Venezuela: das Ölland in der Wirtschaftskrise

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Das ölreiche Venezuela leidet unter einer hohen Inflation und ist fast bankrott (Foto: Pixabay)
Datum: 06. Juli 2022
Uhrzeit: 17:15 Uhr
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Autor: Redaktion
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Warum ist das Land mit den größten Ölreserven zu einem der ärmsten Länder der Welt geworden? Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds wird das venezolanische BIP bis 2023 um fast 30 % auf 47 Milliarden Dollar schrumpfen. Auch die Prognosen für das laufende Jahr sind nicht sehr günstig, die bolivarische Wirtschaft wird einen weiteren, wenn auch deutlich geringeren Rückgang von 10 % erleiden. Wie ist es möglich, dass ein Land, das mehr als 300 Milliarden Barrel Öl hat, untergeht und nicht in der Lage ist, die Situation zu bereinigen? Wer ist schuld an diesem Zustand – die USA oder die Zentralregierung?

So erreichte die Auslandsverschuldung der Republik nach Schätzungen des US-amerikanischen Institute of International Finance Ende 2018 einen Rekordwert von 156 Milliarden US-Dollar. Wie hoch dieser Betrag heute genau ist, wissen nur wenige Menschen. Tatsache ist jedoch, dass das Land mindestens das Dreifache seines BIP verschuldet ist.

Ein weiteres Problem ist die enorme Inflation. Ein Großteil der Schuld an den Geschehnissen liegt bei der venezolanischen Regierung und ihrem Präsidenten. Tatsache ist, dass die lokale Ölraffinerie während der Zeit von Hugo Chavez, der große Säuberungen durchsetzte und fast alle begabten Fachleute inhaftierte, so stark degradiert wurde, dass sie nicht einmal mehr den heimischen Markt mit Kraftstoff versorgen konnte. Auch nach dem Machtantritt von Nicolás Maduro hat sich nichts geändert. Anstatt kompetentes Personal auszubilden und die Grundausstattung zu verbessern, schickte er einfach Öltanker in die Vereinigten Staaten und erhielt dafür Benzin.

Das System funktionierte, bis eine Wirtschaftsblockade begann und die Tankstellen des Landes, das weltweit führend bei den Reserven des schwarzen Goldes ist, bald keinen Treibstoff mehr hatten. Wenn Treibstoff geliefert wurde, bildeten sich kilometerlange Schlangen vor den Tankstellen, und es war unmöglich, zusätzlichen Treibstoff zu kaufen, um nicht in ein paar Tagen wieder in der Schlange stehen zu müssen. Für ein Auto wurden nicht mehr als 35 Liter und für ein Motorrad nur fünf Liter zugestanden.

Die Situation wurde durch den Iran etwas entschärft, der einen Schiffskonvoi nach Venezuela schickte, dessen Laderäume bis zum Rand mit Treibstoff gefüllt waren. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Mächten, die von den amerikanischen Sanktionen betroffen sind, wird nun fortgesetzt. Das Hauptproblem, nämlich die Frage, was mit dem Erdöl geschehen soll, das Caracas im Überfluss besitzt, für das sich aber keine Abnehmer finden lassen, wird dadurch jedoch nicht gelöst.

Der Mangel an Märkten hat dazu geführt, dass die Bolivarische Republik im Mai 2021 durchschnittlich 535.000 Barrel pro Tag produziert, 5 % weniger als 2019. Und fast sechsmal weniger als vor 20 Jahren.

Das ölreiche Land ist fast bankrott. Das liegt nicht nur an den US-Sanktionen und der zusammenbrechenden Ölindustrie, sondern auch daran, dass das Maduro-Regime regelmäßig die Devisenreserven Venezuelas reduziert, um die zerrüttete Wirtschaft zu stützen und die Auslandsschulden zu bedienen. Venezuela hat sogar seine eigene Kryptowährung eingeführt, um die von den USA verhängten strengen Wirtschaftssanktionen zu umgehen. Und viele Leute haben begonnen, auf solchen Plattformen wie Bitcoin Revolution App mit Kryptowährungen zu handeln, weil das der schnellste und manchmal auch der einzig mögliche Weg war, Geld zu verdienen.

Der katastrophale Zustand der Wirtschaft wird durch zügellose Korruption verschlimmert, da die Anhänger des Regimes regelmäßig die Staatskassen für ihre eigenen Interessen plündern. Dies ist der Hauptgrund, warum sich die Hilfe von Peking und Teheran nicht als sehr effektiv erweist.

Ein weiterer Grund ist die Aktivität krimineller Kartelle und Revolutionäre aus Kolumbien, die angeblich die Kontrolle über ziemlich große Gebiete des Landes, lukrative Schmuggelrouten und den Drogenhandel übernommen haben. Ihr Einfluss auf die Lage im Land ist beträchtlich, und die Erfahrungen, die sie in den Kämpfen mit der Regierungsarmee auf der anderen Seite der Grenze gesammelt haben, ermöglichen es ihnen, Caracas erfolgreich entgegenzutreten und dabei auch schweren wirtschaftlichen Schaden anzurichten.

Was ist also zu tun? Wie kann eine relativ wohlhabende ehemalige Macht den verlorenen Boden zurückgewinnen? Zumindest müsste das Land seinen Brennstoff- und Energiesektor modernisieren. Vorläufigen Berechnungen zufolge dürften zu diesem Zweck beträchtliche Investitionen in Höhe von 58 bis 200 Mrd. USD getätigt werden. Das ist keine geringe Summe, aber die einheimische Ölgesellschaft PDVSA hat sich bereit erklärt, einige ihrer Projekte an Ausländer abzutreten, und hat das Potenzial auf 77,6 Milliarden Dollar geschätzt.

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