Wasser in Brasilien: Vom Überfluss zum Mangel

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Die vergangenen Generationen lebten mit dem Mythos eines wasserreichen Landes, das nur im Nordosten mit schweren Dürren zu kämpfen hat (Fotos: Marcello Casal jr/Agência Brasil)
Datum: 26. Oktober 2018
Uhrzeit: 16:36 Uhr
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Der Zugang zu qualitativ hochwertigem Wasser für alle Brasilianer ist eine der größten Herausforderungen für den nächsten Präsidenten des Landes. Kulturell als ein unendliches Gut behandelt, ist Wasser eine der natürlichen Ressourcen, die durch menschliche Eingriffe in die Umwelt und durch den Klimawandel extrem gefährdet sind. In mehreren Regionen des Landes sind bereits verschiedene Auswirkungen zu beobachten, wie beispielsweise die Knappheit, das Verschwinden von Quellen und Flüssen sowie die Zunahme der Wasserverschmutzung. Experten warnen davor, dass sich die Probleme verschlimmern können, wenn keine dringenden Maßnahmen ergriffen werden und die Gesellschaft ihre Wahrnehmung und ihr Verhalten in Bezug auf natürliche Ressourcen nicht ändert.

In Brasilien gibt es 12 hydrographische Regionen, die sich unterschiedlichen Herausforderungen stellen um ihre Verfügbarkeit und Wasserqualität zu erhalten. Die Kartierung durch das Umweltministerium zeigt, dass die Auswirkungen in den Becken der nördlichen Region hauptsächlich auf den Ausbau der Wasserkraft zurückzuführen sind. Im Mittleren Westen stellt die Ausweitung der Agrargrenze den Bestand der Wasserressourcen am meisten in Frage. Die Regionen Süd und Nordosten sind mit einem Wasserdefizit konfrontiert und die Region Südosten leidet unter dem Problem der Wasserverschmutzung.

Brasilien: Der Mythos des Überflusses

Die vergangenen Generationen lebten mit dem Mythos eines wasserreichen Landes, das nur im Nordosten mit schweren Dürren zu kämpfen hat. Seit der ersten massiven Krise im Jahr 2013 mit langanhaltenden Stromausfällen im Südosten und Mittleren Westen stellte sich schnell heraus, dass es sich nicht nur um ein elektrisches Problem gehandelt hatte. Verantwortlich war das Fehlen einer angemessenen Bewirtschaftung des Wasserverbrauchs, insbesondere in Dürreperioden. Seit dieser Zeit setzt sich der Trend der geringen Niederschläge fort, für São Paulo und vielleicht dem ganzen Südosten wird ein düsteres Bild gezeichnet. Bereits jetzt sind die Reservoirs niedriger als in den letzten Jahren.

Nach der schweren Wasserkrise von 2015, die die Bevölkerung von São Paulo betraf, erlebten die Bewohner des Bundesbezirks (DF) die erste Rationierung aufgrund des Wassermangels in den Hauptbecken seit über dreißig Jahren. Über ein Jahr lang mussten sich die Einwohner der Hauptstadt aufgrund der Erschöpfung der Reservoirs einer Rotation der Tage ohne Wasser anpassen. In der ländlichen Gegend verfügte die Regierung einen landwirtschaftlichen Notstand. Zu dieser Zeit kam es laut einer Studie des Umweltsekretariats zu einer Verringerung der Mais-Produktion um 70 Prozent.

Ursachen der Wasserknappheit

Experten weisen darauf hin, dass eine der Hauptursachen für die Wasserkrise die unangemessene Nutzung von Land ist. Im Mittleren Westen sind zum Beispiel die Quellen der großen Flüsse des Landes aufgrund der Lage im Mittelland konzentriert. Bekannt als der Geburtsort des Wassers muss die Region Cerrado einen industriellen Landwirtschaftsboom verkraften, der bereits mehr als die Hälfte der Fläche des Territoriums zerstört hat. Diese Aktivitäten verbrauchen nach Schätzungen bereits etwa 70 Prozent des in diesem Gebiet zur Verfügung stehenden Wassers. Die Auswirkungen des Fehlens von einheimischer Vegetation zum Schutz des Bodens werden bereits in erster Linie bei der Reduzierung vom Pegel der Flüsse und einer Wasserknappheit für die städtische Versorgung wahrgenommen.

Die beschleunigte Abholzung wirkt sich sowohl auf die Häufigkeit der Niederschlagsmengen in den letzten fünf Jahren aus als auch auf die Fähigkeit des Bodens hinsichtlich der Aufnahme von Wasser, das unterirdisch gespeichert und in die Flüsse zurückgeführt wird. Die Veränderung der Landnutzung hat den Wasserkreislauf verändert und führt zu weniger Wasser in den Flüssen. Prognosen des brasilianischen Instituts zum Klimawandel (PBMC) weisen darauf hin, dass das Cerrado-Biom in den nächsten drei Jahrzehnten einen Anstieg der Oberflächentemperatur um ein Grad Celsius mit einer prozentualen Abnahme des Niederschlags zwischen zehn und zwanzig Prozent verkraften muss.

Die Entwaldung des Cerrado betrifft allerdings nicht nur lokale Gemeinden, die bereits Schwierigkeiten mit der Wasserversorgung haben. Die brasilianischen Biome und Ökosysteme sind alle miteinander verbunden. Die Abholzung des Cerrado beeinflusst den Regen, der in São Paulo fällt und die Abholzung im Amazonasgebiet beeinflusst den Regen, der im Cerrado fällt.

Herausforderungen

Die Herausforderung, das Funktionieren des natürlichen Wasserkreislaufs zu gewährleisten, hat auch Auswirkungen auf die Instandhaltung unterirdischer Grundwassersysteme. Forscher bedauern, dass das Thema in der öffentlichen Debatte und auf der Agenda der Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen nicht hervorgehoben wurde und warnen, dass zur Vermeidung der nächsten Krise ein „Modell des Grundwassermanagements“ geschaffen werden muss.

Ein weiteres Problem, das zu Wasserknappheit führt, ist die prekäre Struktur der Sanitärversorgung. In Anbetracht der Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung, die Brasilien unterzeichnet hat, besteht eines der Hauptanliegen in Bezug auf Wasser darin, die Universalisierung der Abwasserentsorgung sicherzustellen.

Nach offiziellen Angaben haben in Brasilien mehr als 35 Millionen Menschen keinen Zugang zu aufbereitetem Wasser und das zum Teil marode Trinkwasserversorgungssystem verursacht im Durchschnitt 37 Prozent an Verlusten. Der Mangel an Abwasserbehandlung beeinträchtigt Tausende Kilometer der brasilianischen Flüsse, die den Müll erhalten. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2035 mindestens vierzig Milliarden US-Dollar an Investitionen in die Abwassersammlung und -aufbereitung getätigt werden müssten, um die Situation zu regulieren.

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