„Cerro Rico“: Bergleute wenden sich Koka und dem Teufel zu

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"Cerro Rico" (Reicher Berg), eine einst legendäre Quelle des Reichtums für das spanische Reich, wird jetzt von einheimischen Bergleuten ausgebeutet (Foto: senado.gob.bo)
Datum: 31. Mai 2022
Uhrzeit: 06:50 Uhr
Ressorts: Bolivien, Panorama
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Redaktion
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In der Nähe einer der ärmsten Städte Boliviens liegt eine der reichsten Silberminen der Menschheitsgeschichte. „Cerro Rico“ (Reicher Berg), eine einst legendäre Quelle des Reichtums für das spanische Reich, wird jetzt von einheimischen Bergleuten ausgebeutet. Die Kumpel – unabhängige Arbeiter, die unter gefährlichen Bedingungen in dunklen und schlecht belüfteten Stollen arbeiten – leben von dem, was sie mit den Silberresten verdienen, die sie im „Cerro Rico de Potosí“ finden, der langsam absinkt und in sich zusammenfällt. Die Arbeit ist so anstrengend, dass viele Bergleute reines Ethanol trinken, bevor sie die Stollen betreten, wie „Reuters“ berichtet. Sie kauen auch Kokablätter, eine Pflanze, die seit Jahrhunderten in den Anden als Energielieferant verwendet wird und auch der Grundstoff für Kokain ist.

„Wegen der giftigen Gase ist es unmöglich, in der Mine ohne Koka zu arbeiten“, so Miguel Angel Delgadillo, der seit fünfundzwanzig Jahren in Cerro Rico arbeitet. Die Kokablätter werden seitlich im Mund gekaut, aber nicht geschluckt. „Sie dienen als Filter.“ Bergleute haben auch oft rot gefärbte Teufel als Puppen in ihren Häusern und bei der Arbeit dabei – ein ungewöhnlicher Glücksbringer. An den Eingängen der Bergwerke finden sich oft Bilder des Satans, der manchmal auch als „Tio“ (Onkel) bezeichnet wird. „Der Bergmann ist nur bis zur Eingangstür der Mine katholisch“, erklärt Delgadillo. „Sobald er hineingeht, glaubt er an den Teufel.“

Der pyramidenförmige Hügel des „Cerro Rico“, der die Stadt Potosi überragt, wird von den Bolivianern verehrt. Er ist Teil des bolivianischen Flaggenwappens und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Doch der Berg hat eine dunkle Geschichte. Unter spanischer Herrschaft starben hier Millionen meist indigener Menschen bei der Arbeit unter grausamen Bedingungen. Allein in diesem Jahr starben hier nach Angaben der örtlichen Behörden bis zu fünfzehn Menschen, meist durch Tunneleinstürze. Auch Lungenkrankheiten sind ein Risiko. „Die Leute fangen hier mit fünfzehn oder sechzehn Jahren an zu arbeiten und die Lebenserwartung liegt bei etwa fünfundvierzig Jahren, weil sie Silikose entwickeln“, betonte Delgadillo und bezog sich damit auf eine Form der chronischen Lungenkrankheit.

Die Todesfälle lassen seit Jahren die Alarmglocken schrillen, wenn es um die Frage geht, ob der Bergbau verboten oder erheblich eingeschränkt werden sollte. Aber die Behörden sind auch mit der rauen Wirklichkeit konfrontiert: Es handelt sich um relativ gut bezahlte Arbeit in einem der ärmsten Länder Südamerikas. „Wir müssten etwa dreißigtausend Familien umsiedeln und neue Arbeitsmöglichkeiten für sie finden“, betonte Juan Tellez, ein Berater des Gouverneurs von Potosi, gegenüber „Reuters“. „Die Leute werden nicht gehen.“ Die Bergleute verdienen etwa zweiundzwanzig US-Dollar pro Tag und damit mehr als den nationalen Mindestlohn.

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