Ein Jahr nach Bitcoin-Einführung: El Salvadors Bitcoin-Experiment gerät ins Stocken

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Präsident Nayib Bukele gab bekannt, dass die "Bitcoin City" zunächst durch Bitcoin-gesicherte Anleihen finanziert werden soll (Fotos: Secretaría de Prensa de la Presidencia de la República de El Salvador)
Datum: 08. September 2022
Uhrzeit: 06:12 Uhr
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Autor: Redaktion
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Ein Jahr nach Einführung des Bitcoin als Zahlungsmittel nutzen in El Salvador wenige Menschen die Kryptowährung. Das Gebiet, in dem die erste Kryptowährungsstadt der Welt gebaut werden sollte – eine kreisförmige Metropole, die ddie Energie des Conchagua-Vulkan zum Schürfen der Digitalwährung nutzen wird – immer noch dichter Dschungel. Präsident Nayib Bukele hatte versprochen, dass „Bitcoin City“ ein Steuerparadies für Krypto-Investoren und Miner sein würde, ausgestattet mit einem Flughafen, Wohn- und Gewerbegebieten und einem zentralen Platz, der wie ein Bitcoin-Symbol aus dem Himmel aussehen sollte. „Investieren Sie hier und machen Sie so viel Geld, wie Sie wollen“, sagte er ganz in Weiß gekleidet und mit einer umgekehrten Baseballkappe vor Hunderten von Bitcoin-Enthusiasten im November 2021. Bei einem kürzlichen Besuch in dem Gebiet im Schatten des Vulkans Conchagua im Osten des zentralamerikanischen Landes fand „Reuters“ jedoch keine schweren Maschinen, Bauarbeiter oder Rohstoffe, die auf Fortschritte beim Bau dieses großen Symbols für Bitcoin hinweisen. Für viele ist es stattdessen ein Symbol der Torheit geworden, da der Bitcoin abgestürzt ist.

„Dieses Experiment war sehr riskant, zu riskant für ein armes Land“, analysierte Oscar Picardo, Direktor des Instituts für Wissenschaft, Technologie und Innovation an der privaten Francisco Gavidia Universität. „Es hat sich gezeigt, dass (Bitcoin) ein sehr spekulativer, stark schwankender Finanzwert ist“, fügte er hinzu. Ein großer Teil des Problems besteht darin, dass der Wertverfall von Bitcoin und anderen Kryptowährungen die Anleger verprellt hat. Als El Salvador, eines der ärmsten Länder Lateinamerikas, am 7. September 2021 den Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel einführte, lag der Wert der Kryptowährung bei fast 47.000 US-Dollar. Ein Jahr später ist sie weniger als die Hälfte wert und wurde am Dienstag mit rund 19.770 US-Dollar gehandelt. Der Preisverfall hat das finanzielle Risiko El Salvadors erhöht und die Suche nach Mitteln für die Rückzahlung der 2023 und 2025 fälligen Staatsanleihen in Höhe von 1,6 Milliarden US-Dollar erschwert. Der Internationale Währungsfonds hat El Salvador aufgefordert, den Status von Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel rückgängig zu machen und dabei finanzielle, wirtschaftliche und rechtliche Bedenken angeführt, was eine Einigung mit dem Kreditgeber erschwert.

Auch die Verwendung der Kryptowährung hat sich nicht durchgesetzt, sagen Experten. Weder die Präsidentschaft noch das Finanzministerium wollten Zahlen über die Verwendung von Bitcoin über die digitale Bitcoin-Geldbörse „Chivo“ der Regierung bekannt geben. Eine Umfrage des „National Bureau of Economic Research“ (NBER), einer US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation, ergab jedoch, dass nur zwanzig Prozent der Salvadorianer, die die Chivo-App heruntergeladen hatten, sie auch weiterhin nutzten, nachdem sie die dreißig US-Dollar ausgegeben hatten, die die Regierung als kostenloses Guthaben zur Förderung ihrer Nutzung zur Verfügung gestellt hatte. Aus der Studie geht hervor, dass die überwiegende Mehrheit der Chivo-Downloads im Jahr 2021 stattfand, insbesondere im September und dass im Jahr 2022 bisher fast keine Downloads stattgefunden haben. Theoretisch sind Entwicklungsländer wie El Salvador ideale Kandidaten für die Einführung von Kryptowährungen, da sie nach wie vor auf Bargeld angewiesen sind und eine weitgehend bankenlose Bevölkerung haben. Dem Bericht vom April zufolge wird Bitcoin jedoch nicht in großem Umfang als Tauschmittel verwendet, weil die Nutzer es nicht verstehen, ihm nicht vertrauen, es von Unternehmen nicht akzeptiert wird, es sehr unbeständig ist und hohe Gebühren anfallen“.

Obwohl das salvadorianische Gesetz vorschreibt, dass alle Unternehmen Kryptowährungen akzeptieren müssen, tun dies laut der Umfrage, bei der 1.800 salvadorianische Haushalte befragt wurden, nur zwanzig Prozent. Die Regierung hat auch Salvadorianer, die im Ausland arbeiten, dazu ermutigt, Geld über die staatliche Chivo-Geldbörse oder andere private Geldbörsen nach Hause zu schicken, ohne dafür Gebühren zu verlangen. Diese als Remissen (Heimatüberweisungen) bekannten Überweisungen aus dem Ausland machen sechsundzwanzig des BIP des zentralamerikanischen Landes aus, einer der höchsten Prozentsätze der Welt. Aber laut Statistiken der Zentralbank erhielt das Land zwischen September 2021 und Juni 2022 fast 6,4 Milliarden US-Dollar an Überweisungen und weniger als zwei Prozent wurden durch digitale Kryptowährungs-Wallets überwiesen.

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