Live aus Haiti: Unvorstellbarer Freudentaumel auf den Straßen► Seite 2

Jubel

Datum: 05. April 2011
Uhrzeit: 09:42 Uhr
Leserecho: 4 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
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Auch die Schüsse und sonstigen Knaller drücken heute überbordende Freude aus und kosten keine Leben. Alles, was knallen kann, kommt heute zum Einsatz, man meint es seien selbst Kanonenböller und Maschinengewehr-Salven darunter, auch Polizei und Blauhelme scheinen vom Taumel besessen. Das Volk drückt sich aus, jetzt flutet das Blut in den Adern mit dem Adrenalin um die Wette.

In diesen Minuten denkt niemand mehr an flutende Wasser, schüttelnde Goudou-goudou, würgende Cholera – denkt auch niemand an die Gegenreaktion, die wohl schon vor der Türe steht, wie bei jeder Reaktion. Niemand denkt an die neuen Probleme, die eine neue Regierung schaffen wird – sie will ja die MINUSTAH aus dem Land mobben, die Sicherheit im Land selbst in die Hand nehmen, wieder eine Armee schaffen, in der Illusion, sie könne sich das leisten. Auf der anderen Seite diskutiert der Sicherheitsrat und seine Entourage schon seit Tagen über dieses Problem, wie die Meldungen zeigen. Im ganzen Freudentaumel ist nur schade, dass sie sich an diesem Volk und seiner Kultur vorbeiverstehen, die Kravattenmenschen von New York. Sie werden das Volk nie und nimmer verstehen, wie auch das Verhalten während der Wahlen und bei anderen Ereignissen gezeigt hat. Und während der Sicherheitsrat weiter diskutiert, jubelt und berstet dieses Volk. Nur, was die Herren vergessen, dieses Volk diskutiert nicht. Dieses Volk lebt.

Im Moment ist Freude angesagt, ich will die nicht vergällen, das Volk hat einen Freudenausbruch verdient. Er dauert die ganze Nacht, und wird noch Tage dauern. Es ist das erste Mal, dass dieses Volk seinen Führer so einstimmig wählt, den Führer bekommen hat, den es sich wünscht. Einstimmig, obschon die Zahlen nur eine große Mehrheit ausweisen, die Offiziellen so lange still waren. Seit dem 28. November. Und viele Reiche und Gebildete immer noch still bleiben. Und obschon die gar nicht wissen, wen sie da wählen. Sie schreien einfach mit, und die wissen, wofür sie schreien, die schreien nicht für den neuen Präsidenten, sondern dass sie den alten endlich weghaben. Das ist ein Feuerwerk à la Haiti, ein Feuerwerk ohne Feuerwerk, aber ebenso eindrücklich und grandios. Noch nie habe ich so etwas erlebt, wie sich Freude manifestiert, ein Volk vor Freude fibriert und bebt – es hat dies verdient, das Volk von Haiti.

Ich bedaure zutiefst, dass meine unzähligen lieben Leser, die sich so sehr für das Nachbarland der Dominikanischen Republik interessieren, diesen Ausbruch der Freude nicht selbst erleben konnten. Denn das lässt sich nicht mit Worten beschreiben, das muss man selbst erleben.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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Kommentarbereich

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  1. 1
    Peter

    Danke Dir für den sehr anschaulichen Beitrag! Schön wäre jetzt noch für politisch so unbedarfte wie mich, wenn Du schreiben könntest, welche Erwartungen das Volk in die Wahl Martelly´s steckt, welche Hoffnungen sie haben, und warum sie den Minustah aus dem Amt jagen wollen. So ganz aus Deiner Sicht, und wie Du das vor Ort erlebst. Denn das, was die internationalen Zeitungen wiedergeben, muss sich ja nicht mit der gelebten Wirklichkeit vor Ort decken.

    Alles Gute für Dich!
    Peter

  2. Lieber Peter,

    und ob! „Das Volk“ ist natürlich nicht so einfach, es ist so vielfältig wie anderswo. Wir beide generalisieren unsere Meinung oder Sicht von der grossen Masse, der sozialen „Unter“masse.

    Die erwartet Essen, Gesundheit, bezahlte Arbeit, Bildung und eine Zukunft für die Kinder – zB unentgeltliche Schulen – Friede und Sicherheit. Dinge, die in Haïti leider nur in Diktaturen funktionierten. Die Menschen erwarten jetzt dass es auch mit dem neuen Präsidenten hinhaut, mit oder ohne Demokratie. Sie möchten leben wie die Menschen andernorts. Und sie möchten SICH leben können. Sie fordern Menschenrechte ein. Das Volk erwartet, dass es Micky besser macht als seine Vorgänger, und die Krawattenmenschen, die hier ein paar Monate teure Ferien gemacht haben. Sie glauben seinen Versprechen von dem allem, zum Beispiel dass er mit Diebstahl und Korruption aufräumt.

    Und die MINUSTAH – ja die sind, wie die Hilfswerke und die Medien mit ihren Journalisten, guten Willens, aber sie haben Vorstellungen aus einer anderen Kultur, sind nicht lang genug da (die Journalisten oft nur ein paar Tage in einem Ghetto-Hotel, die Helfer ein paar Monate, die Soldaten im besten Fall ein paar Jahre) – und kennen nur Geld und Gewalt, um ihre – vielfach falschen – Vorstellungen durchzusetzen. Sie sind nicht einmal imstande, zu sprechen mit dem Volk, viele können nicht einmal Französisch. Das Volk ohnehin nicht. Also sprechen die flüchtigen Gäste Englisch, das Volk Kréol aneinander vorbei.

    Eine Sache der Kultur ist natürlich der Glauben – wir sagen Aberglauben. Manchmal stimmt es vielleicht sogar, nach Berichten der Franzosen, dass die MINUSTAH das Böse, die Cholera gebracht hat. Die AMIS sagen das sei gelogen, die Venezolaner ohnehin – die lügen, auch wieder aneinander vorbei. Ich muss aufhören, sonst gibt es wieder ein neues Buch …

    Bezüglich dem Kahlkopf war ich auch lange skeptisch. Aber ich habe mich dem kleineren von zwei Übeln gefügt. Und jetzt kann man ihm nur noch überzeugt viel Glück wünschen. Wenn er das fertig bringt, was all die Besserwisser nicht geschafft haben, dann hat das Weltgesicht seine nächste Schlappe eingefahren.

    Danke noch für Deine Wünsche, und alles Gute!

    Otti

  3. Hallo lieber Otto,
    habe soeben zu Raymonde gesagt: vamos a Haiti. Und sie: Si, quando? pero rapido. Am liebsten wären wir jetzt am Champs de Mars, mittendrin in dem Freudentaumel.
    Du hast einen wunderschönen Bericht geschrieben. Danke.
    Liebe Grüsse von HaJo

    • Danke auch HaJo,

      ich bin auf solche Rückmeldungen und Aufsteller sehr angewiesen, ja lebe sogar davon! Und wenn Ihr es wirklich mal zum Champs de Mars bringen solltet, lasst es mich vorher wissen.

      Jubelgrüsse von über den Trümmern

      Otti

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