Jubel ohne Grenzen in Haiti – Dominikanische Republik: Die Straße gehört dem Fußvolk► Seite 2

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Datum: 15. Mai 2011
Uhrzeit: 16:22 Uhr
Leserecho: 2 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
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Bei uns würden sie alle um die Wette läuten, Big Ben vom Westminster, Trottiera vom Markusturm, Martinsglocke vom St.Petri-Dom, Bimm-Bamm von Notre Dame, aber hier gibt es keine Kirchenglocken- und die ganz große Kathedrale ist zusammengestürzt, am 12. Januar 2010. Aber es gibt Jubelgeschrei ohne Glocken; das von heute hat das vom 4. April (Jubel ohne Grenzen) noch übertroffen, man glaubt gar nicht dass das möglich war. Man hätte an eine Parallelschaltung aller landesweiten Lautsprecherboxen glauben können, aber das war nicht nötig, denn die haitischen Medien hatten schon für Reihenschaltung gesorgt: sie sendeten nichts anderes.

Das bedeutet Vervielfachung für all die großen Klangabenteuer, für Kanonendonner und Knallkörper, die wechselten ab mit brausender Musik aus Megalautsprechern und von Millionen zelebriert. Es war eine Multimediashow der Superlative und Rekorde, präsentiert und moderiert vom Meister der Shows und Töne, dem Meistersinger und amtsfrischen Präsidenten, Michel Martelly. Und der Präsident zeigte, wessen Faches Meister er war und moderierte seine politische Rede so, dass Millionen in Sprechchören antworteten, wie eingeübt, im ganzen Land – wohl auch in den USA, in Kanada, Paris, Dakar und all den Ländern, wo es kreolische Radios gibt. Daneben verblassten selbst die berühmten Meisterpredigten des Demagogen Aristide, die dieser während seiner Wahl 1990 in die Welt geschrien hatte. Auch im heutigen, unglaublichen Klangspektakel waren Kirchenmänner eingebaut, die ihre Predigten in die Mikros brüllten und zersprühten vor Leidenschaft. Auch der Präsident schrie seine Antrittsrede ins Mikrophon und ließ die Millionen im Chor mit schreien oder antworten. Eine solche politische Rede hatte die Welt noch nie gehört.

Das Land ist zu einer Bühne geworden. Auf der Bühne treten Sänger und Wechselchöre auf, mit feierlichen und bedächtigen, rhythmischen und lüpfigen Weisen und Songs. Hauptsache jeder findet sie gut und jeder macht mit.

Häuptling Sweet Micky macht seinem Namen Ehre, gibt Ton und Lieder an und tut kund, dass er das Zeug zum Führer hat. Angesichts dessen wird mit mir zweifellos mancher früherer Meckerer nochmals über die Bücher gehen und dem Neugebackenen zumindest die Chance lassen, weiter zu beweisen, dass er das Zeug zum Führer hat. Auch wenn im Moment Feiern und nicht Führen angesagt ist- und das bleibt nun diese drei Tage dasselbe. Der Gefeierte und sein Volk sind sich der Probleme des Landes voll bewusst, hat doch Micky stets betont, man dürfe von ihm keine Wunder erwarten, er könne die großen Probleme auch nicht lösen, das brauche Gott und die Zeit. Aber schon wenn ihm das Volk glaubt und vertraut, und dieses Vertrauen nachhaltig ist, ist das ein wichtiger Schritt und Führungserfolg. Denn die Menschen erschlagen sich nicht mehr auf der Straße, sie sprechen und singen miteinander, oder tanzen sogar. Der Dialog zwischen dem Häuptling und seinem Volk, jetzt sogar dem weltweitem Volk, zwischen vereinigter Technik und millionenfacher Live-Reaktion, hat begonnen. Regieren ist interaktiv geworden.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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  1. 1
    Jean-Luc

    Das habe ich schon vor der Wahl gedacht, das schwierigste Amt der Welt. – Wo müssen so viele elementare Probleme auf einmal gelöst werden. Und vielleicht kann er genau die Änderungen anstoßen, zu denen ein herkömmlicher haitianischer Politiker nicht im Stande wäre…

  2. An neuen Ideen fehlt’s ihm jedenfalls nicht. Und das ist das Einzige, was in hoffnungslosen Fällen noch helfen kann.Stossen wir auf ihn an, prost!

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