Kuba: In jedem Kommunist steckt ein Kapitalist► Seite 2

Datum: 28. August 2011
Uhrzeit: 00:23 Uhr
Leserecho: 2 Kommentare
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Der einfach Bankangestellte, Verkäufer, Straßenarbeiter, Bauer oder Zimmermann kann im Leben nicht davon träumen, in einem solchen Wohlstand zu leben. Dem am Nächsten kommen noch die Leute, die im Gastgewerbe arbeiten, und durch ihren Kontakt mit Touristen an konvertible Pesos herankommen. Das kann dazu führen, dass in einem Haus ein zwanzigjähriger Hotelpage wohnt und hundertmal so viel Geld zur Verfügung hat, wie der Universitätsprofessor, der neben ihm wohnt. Das führt im sozialistischen Land zu sozialen Spannungen, die durch Prostitution abgefedert werden. Die Kubaner haben einen ganz anderen Zugang zur Sexualität als wir Bürger der kapitalistischen Länder. Wir werden von klein auf mit einer Pfui-das-tut-man-nicht Einstellung konfrontiert und wir lernen von unseren moralischen und gesetzlichen und medialen Instanzen, dass Sex, wenn er denn sein muss, fast eher ein Ärgernis darstellt, als ein Mittel zur Sozialisierung und Konfliktbewältigung. Wir verpönen aufs Strengste Beziehungen zwischen Menschen mit hohem Altersunterschied und wuchten mit Begriffen wie: Lüstling, Lustgreis, Lustmolch etc … drängen Sex und Lust ins Dunkel, ins Land der Unanständigkeit, nehmen es dann aber wiederum als selbstverständlich hin, dass Sex zur Ware verkommt. Ich habe einmal in einem Buch gelesen, dass gerade in den Ländern mit den höchsten moralischen, traditionellen und religiösen Erwartungen die Häufigkeit von sexuellem Missbrauch, Vergewaltigung und Kinderschändung bei weiten am Höchsten ist.

Anders auf Kuba, wo Sex von (fast) Kindesbeinen an als etwas Bereicherndes vermittelt und erlebt wird. Natürlich versuchte der von Fidel Castro und Che Guevara vorgelebte Machismo, zuallererst die Lust zu bekämpfen. Das ist immer so: Das erste Opfer einer jeden Diktatur ist immer die Lebensfreude und alles, was damit verbunden ist: Schönheit, Kunst, Aufklärung, Wissen, Liebe, Zärtlichkeit. Die Diktatur, sei sie nun staatlich, moralisch, religiös, fordert immer und zu jeder Zeit absolute Aufmerksamkeit und führt dazu, dass das von der Diktatur infiszierte Volk in Angst und Unbehagen erstarrt. Das Problem im Fall Kuba war und ist jedoch, dass die Menschen dort sich das Tanzen, Singen und Liebe machen einfach nicht verbieten lassen. Und eben diese Qualität, diese Subversivität in Sachen Liebe, Tanz und Gesang führt dazu, dass die Kubaner, völlig frei von Berührungsängsten und moralischen Bedenken, das, was sie sowieso gerne tun, als Einnahmequelle entdeckt haben. Hierüber von Europa aus, aus den Cafes und Bibliotheken, die Nase zu rümpfen ist, wie im Schutz der Menge heimlich eine Taube zu treten.

Eine kapitalistische Gesellschaft, die einem erwachsenen Menschen die Freude am Sex abspricht und am liebsten hätte, dass es Sex nur unter Zwanzigjährigen gibt, die im Idealfall die Kamera nicht scheuen, darf sich nicht wundern, wenn Männer und Frauen auf der Suche nach attraktiven und hemmungslosen Partnern bis nach Kuba vordringen. Die Kubaner selbst, die sich auf ein Techtelmechtel mit einem Touristen einlassen, sehen sich selbst nicht als Prostituierte, als Stricher oder als Huren. Es gibt zwar den Begriff ‚Jinetera‘ (Mask. Jinetero oder Pingero), was so viel wie Reiterin oder Reiter bedeutet, und sich auf Prostitution bezieht; aber es wird nicht als Prostitution wahrgenommen. Es kommt dabei natürlich auch immer darauf an, wo man sich aufhält, wie man sich selbst präsentiert – es kann also sein, dass man in einem Nachtclub in Varadero von Angeboten junger Mädchen geradezu erschlagen wird, oder in Havanna im Vedado nach einigen Blickkontakten von einer Traube Halbwüchsiger verfolgt wird, die sich Chancen auf … eine Nacht mit einem Touristen ausrechnen.

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Peter Nathschläger, geb. 1965 in Wien, entdeckte früh seine Vorliebe für Reisen & Literatur. Parallel zu seinen Romanen, Kurzgeschichten und Gedichten widmet er sich nun verstärkt Reiseberichten mit Schwerpunkt Kuba, ganz im Sinne einer literarischen Spurensuche.

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  1. 1
    Gustavo

    Als ich 1972 als Student von Kuba in die ehemalige DDR kam, lernt ich folgende Definition: „Der Kapitalismus ist die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen!“
    Und wenn jemand von seiner Hände Arbeit (ohne ausgebeutete Angestellte) nur so reich werden kann wie er alleine schafft, dann ist das kein Kapitalismus, sondern Gerechtigkeit.

  2. 2
    Nicki

    Sehr interessanter Artikel. Sex ist bei uns in den Medien allgegenwärtig aber sexuelle Freizügigkeit ohne dabei Andere zu bedrängen und auszubeuten schaut anders aus.

    Die lockere Freundlichkeit,auch Gastfreundlichkeit in Kuba beinhaltet einen solchen Respekt der in unserer einzelgängerischen Gesellschaft mit einer Überbetonung der Individualität schlicht abhanden gekommmen ist.

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