Leid und kein Ende: Acht Jahre nach der Tragödie im Nachtclub „Kiss“

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Das Feuer gilt nach dem Zirkusbrand von Niterói (1961) mit circa 500 Toten als die zweitschwerste Brandkatastrophe in der Geschichte Brasiliens (Foto: Wilson Dias/Agência Brasil/Arquivo)
Datum: 27. Januar 2021
Uhrzeit: 16:17 Uhr
Ressorts: Brasilien, Panorama
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In der Nacht vom 26. auf den 27. Januar 2013 hat sich im Nachtclub „Kiss“ in der Stadt Santa María (Bundesstaat Rio Grande do Sul) eine Brandkatastrophe ereignet. Dabei starben 242 Menschen, mehr als 600 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Die Opfer der Katastrophe waren zumeist junge Studenten der „Universidade Federal de Santa Maria“, da an dem Abend eine Universitätsparty in dem Nachtclub stattgefunden hatte. Das Feuer gilt nach dem Zirkusbrand von Niterói (1961) mit circa 500 Toten als die zweitschwerste Brandkatastrophe in der Geschichte des größten Landes von Lateinamerika. „Kuss, acht Jahre Straflosigkeit“ lautet die Überschrift des neuen Wandgemäldes an der Fassade der Überreste des Nachtclubs. Die Tragödie, die das Land bewegte und große internationale Aufmerksamkeit hatte, zieht sich wie in einem Roman ohne Ende hin. Fast ein Jahrzehnt später warten die vier Angeklagten des Falls noch immer auf eine Verhandlung vor Gericht, ein Termin könnte bestenfalls irgendwann in der zweiten Hälfte dieses Jahres anberaumt werden.

„Diese Situation ist sehr unfair und inakzeptabel – acht Jahre Leiden und Schmerzen sind immer noch nicht zu Ende“, beklagt Flávio Silva, Präsident der Vereinigung der Angehörigen von Opfern und Überlebenden der Tragödie von Santa Maria. Die Organisation wurde etwa zwei Monate nach der Tragödie gegründet und vereint die Eltern und Verwandten der Opfer auf der Suche nach Wiedergutmachung. Flávio Silva verlor seine Tochter Andrielle, 22, im Feuer. Zu dieser Zeit war sie mit vier weiteren Freunden in der Disco, um ihren Geburtstag zu feiern. Alle erstickten am giftigen Rauch, der durch das Feuer freigesetzt wurde. Jeder 27. Januar ist seitdem geprägt von Hommagen an die Opfer des Santa Maria-Feuers. In diesem Jahr wird das Gedenken wegen der Corona-Pandemie virtuell sein. Die „Associação de Familiares Vítimas e Sobreviventes da Tragédia“ organisiert an diesem Mittwoch um 20:30 Uhr Ortszeit eine Live- Sendung (Online- Übertragung). Gegen 02:30 Uhr wird in der Stadt eine Feuerwehrsirene ertönen, um sich an den genauen Zeitpunkt des Brandes zu erinnern und um die Toten zu ehren.

Im Strafverfahren (mehr als 85 Ordner) sollen die Geschäftsleute und Partner des Nachtclubs, Elissandro Callegaro Spohr und Mauro Londero Hoffmann, neben dem Sänger der Band „Gurizada Fandangueira“, Marcelo de Jesus dos Santos und dem Produzenten der Band „Luciano Bonilha Leão“ für Mord (242-mal wegen der Anzahl der Todesfälle) und für 636 Mordversuche (Anzahl der Verletzten) verantwortlich gemacht werden. Aktuell wird noch auf die Ernennung eines Richters für den Prozess gewartet. Im Moment ist das Hauptanliegen der Angehörigen der Opfer jedoch, dass der Prozess nicht hinter verschlossenen Türen stattfindet und ihre Teilnahme erlaubt wird. Dies dürfte sich angesichts der Corona-Pandemie und den verhängten Isolations-Maßnahmen schwierig gestalten. „Wir befürchten, dass dies passieren wird. Wenn dies passiert, werden wir mit aller Kraft kämpfen um am Prozess teilzunehmen. Es gibt lange Jahre des Wartens. Was auch immer passiert, wir werden unsere Kinder nicht zurück haben, aber wir hoffen, dass Gerechtigkeit geschehen wird“, so Flávio Silva.

Die Tragödie im Nachtclub Kiss ereignete sich am 27. Januar 2013 im Morgengrauen in der zentralen Region der Stadt. Gegen 02:30 Uhr morgens zündete ein Mitglied der Band „Gurizada Fandangueira“ eine Leuchtfackel an und Funken entzündeten das Dämmaterial, der den Ort schalldicht machte. Beim Verbrennen des Schaums wurden giftige Gase wie Cyanid freigesetzt, das tödlich ist. Es war genau dieser giftige Rauch, der die meisten der 242 Opfer durch Ersticken tötete. Außerdem hatte die Disco keine ausreichenden Notausgänge, die Feuerlöscher waren unzureichend und die Wartung überfällig. Ein Teil der Opfer wurde vom Sicherheitspersonal daran gehindert, den Club während der Verwirrung auf Anordnung eines der Eigentümer zu verlassen, der befürchtete, dass sie die Rechnungen nicht bezahlen.

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