Auch unter den Bücherschätzen hatte ich meine Goldkinder. Einige stammten von Napoleon persönlich, trugen eigenhändige Widmungen und Texte, von Saint Exupéry, Max Drillien, General Guisan, Präsident Aristide als er es noch war, Jon Semadeni, Karl Adolf Laubscher, Hugo Nünlist, Alfred Bögli und andere mehr. Für besondere Lieblinge hatte ich früher noch Geld ausgegeben. Ich wollte sie aus dem traurigen broschierten Zustand herausführen und ihnen vom Buchbinder ein ledergebundenes Dasein mit Goldbeschriftung verpassen – wie Herpetologia Europaea und andere. Fast kann ich mir einen Vergleich mit dem Weltgesicht nicht verkneifen, das einem Lande wie Haiti fremde Masken aufzwängen will.
Aber wir sind ja bei den bibliophilen Schätzen. Darunter war das kleinste Buch der Welt, eine Gutenberg-Bibel von Millimetergrösse, die man mit der Pinzette öffnen und mit dem Mikroskop lesen konnte. – Oder das größte, ein Foliantenband mit prachtvollen Plakaten aus den Himalaya-Bergen, es brauchte Hilfskräfte, um das Buch zu „handeln“. Hatte keinen Platz in einem Büchergestell. – Das dickste zählte ein paar tausend Seiten (und US$s), auf jeder das Farbbild einer Tropenpflanze, es waren deren zehntausende, es fehlte vielleicht keine.
Dann meine Lieblingsbibliotheken gestellweise … ein Gestell mit Bildbänden aus Afrika, Gestelle mit solchen aus andern Kontinenten, schöne Literatur, alle großen Lexika, Kunstdenkmäler der Schweiz, Atlanten der ganzen Welt und … und … und … ich war ein Büchernarr gewesen. Und ein lebenslanger Sammler. Die vielen Buchjuwelen die mir gestohlen worden waren schon vor dem Goudou-goudou, die sind jetzt wenigstens bei einem unbekannten Dieb gerettet, so etwa der große Atlas „Jeune Afrique“. Projektarbeiten aus allen Abschnitten meines Lebens.
Einst als „unentbehrlich“ befundene Arbeitsbücher, eine komplette Dudensammlung, ein ganzes Büchergestell mit Lexika und praktisch allen Nachschlagewerken, ein kreolisch-deutsches Wörterbuch das mir meine Mitarbeiter zum Abschied geschenkt hatten, ein fast täglich beanspruchtes Kréol-Sprachlehrbuch, die Bibliotheken meines Vaters und verstorbener Verwandter in eigenen Möbeln.
Schon Jahre vor dem Laden der Container hatte ich den Transport vorbereitet. Drei Bände vermochte das Inventar zu füllen, schön gebunden und alles nummeriert. Inzwischen herrschte Militärputsch und Totalembargo, der Transport verpuffte und dauerte Jahre. So ließ sich wenigstens die Diebstahl- und Verderbquote messen. Ich war damals noch an einem Job, da musste alles messbar sein.
Ich habe noch nicht alles gesagt. Noch lange nicht. Aber das genügt.
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