Zwischen Mythos und Wahrheit: Montezumas Kopfschmuck

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Datum: 18. November 2012
Uhrzeit: 16:29 Uhr
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Autor: Redaktion
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► Innovatives bilaterales Forschungs und Restaurierungsprojekt

Der altmexikanische Federkopfschmuck ist eines der sensibelsten und konservatorisch anspruchsvollsten Objekte des Museums für Völkerkunde in Wien. Von 2010 bis 2012 widmete sich eine österreichisch-mexikanische Expertenkommission in einem Kooperationsprojekt zwischen dem Instituto Nacional de Antropología e Historia (INAH) in Mexiko und dem Kunsthistorischen Museum seiner historischen Bedeutung und seinem gegenwärtigen Zustand im Rahmen einer systematischen Untersuchung dieses Objekts.

Die Ergebnisse dieses international viel beachteten und innovativen bilateralen Forschungs und Restaurierungsprojektes werden nun in einer umfassenden Publikation präsentiert. Das Projekt konzentrierte sich auf anthropologische, historische, ikonographische und konservatorische Fragestellungen. Dabei wurden die Materialien, die Herstellungstechnik und die alten Restaurierungen des Federkopfschmuckes analysiert.

Das heutige flache Erscheinungsbild des Federkopfschmucks geht auf die Restaurierung von 1878 zurück, die auf der fälschlichen Annahme beruhte, dass es sich um eine Standarte handle. Dadurch verlor das Stück seine Dreidimensionalität als Kopfschmuck. Damals wurden im unteren Bereich über 370 neue Metallplättchen, Federn und Eisvogelbälge hinzugefügt.

Der Federkopfschmuck besteht aus einer Vielfalt von Materialien: aus organischen wie Federn, Pflanzenfasern, Holz, Leder, Papier, Textil, aber auch aus anorganischen wie Gold und vergoldetem Messing. Die Reibung dieser Materialien untereinander und das hohe Alter beinträchtigen den Erhaltungszustand und erschweren die Konservierung.

Der Alterungsprozess der organischen Materialien hinterließ nicht wiederherstellbare, brüchige und fragile Stellen. Durch vorsichtige Eingriffe sowie Maßnahmen der präventiven Konservierung konnte das Objekt gut gesichert werden, eine Rückführung in den ursprünglichen Zustand ist jedoch nicht mehr möglich. Der Federkopfschmuck wurde sorgfältig gereinigt und konserviert, sodass er nunmehr nach vielen Jahren wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann.

Zwischen Mythos und Wahrheit
Kann der Federkopfschmuck wirklich mit dem legendären Aztekenherrscher Moctezuma II. (span. Montezuma) in Zusammenhang gebracht werden? Auf welchen Wegen und durch wen kam der „Penacho“ nach Europa? Noch immer ranken sich zahlreiche Mythen und Legenden um dieses prächtige Artefakt. Als 1519 spanische Schiffe die Küste des heutigen Mexiko erreichten, trafen sie auf das blühende Reich der Azteken. Nach einer anfänglich friedvollen Begegnung zerschlugen die Konquistadoren unter Hernán Cortés dieses Imperium, sein Herrscher Moctezuma II. wurde gefangen genommen. Unzählige Stücke gelangten nach Europa. Das prachtvollste unter ihnen ist der in Mexiko als „Penacho“ bezeichnete altmexikanische Federkopfschmuck. Er wurde erstmals 1596 im Nachlassinventar zu den Rüstkammern und der Kunstkammer des Tiroler Landesfürsten Erzherzog Ferdinand II. (Schloss Ambras) erwähnt – und zwar als „ain mörischer Huet“.

Während der Napoleonischen Kriege wurden Teile der Ambraser Sammlungen nach Wien transferiert und im Unteren Belvedere untergebracht. Dort entdeckte Ferdinand von Hochstetter 1878 den Federkopfschmuck und erkannte dessen Bedeutung. Er ließ das wertvolle Stück restaurieren, um es im k. k. Naturhistorischen Hofmuseum der Öffentlichkeit zu präsentieren. Zusammen mit dessen ethnographischen Beständen gelangte der Federkopfschmuck schließlich in das 1928 eröffnete Museum für Völkerkunde.

Nach seiner ersten Erwähnung als „mörischer Huet“ am Ende des 16. Jahrhunderts findet sich der Federkopfschmuck in späteren Inventaren als „indianischer Huet“ und schließlich 1788 auch als „indianische Schürze“ wieder. Diese Fehldeutung beruhte vermutlich darauf, dass ein einst vorhanden gewesener goldener Stirn-Schnabel inzwischen verloren gegangen war. Somit war die ursprüngliche Tragweise nur mehr schwierig zu bestimmen.

1855 konnten die grünen Federn als jene des Quetzalvogels identifiziert werden und Mexiko wurde als Herkunftsland angeführt. Gleichzeitig wurde die ursprüngliche Interpretation als Kopfschmuck erneut akzeptiert. Später war Ferdinand von Hochstetter dann der Meinung, dass es sich eher um eine Prachtstandarte aus der Zeit von Moctezuma handeln könnte. Während des Amerikanistenkongresses des Jahres 1908 in Wien einigte sich eine internationale Kommission schließlich auf eine Deutung als Federkopfschmuck, die bis heute die gängige Lehrmeinung darstellt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann man den Federkopfschmuck direkt mit der Person von Moctezuma in Verbindung zu bringen. Das klang spektakulär und steigerte den Sensationswert des Stückes. In diesem Zusammenhang kam die Bezeichnung „Federkrone des Moctezuma“ auf, in Unkenntnis der Tatsache, dass die Herrscher der Azteken mit dem Xiuhuitzolli, einem Türkisdiadem, gekrönt wurden.

Mittlerweile hat der „Penacho“ weltweite Berühmtheit erlangt. Nicht nur, weil er der Letzte seiner Art ist, sondern auch, weil seine Pracht mit hunderten schillernden Quetzalfedern und reichem Goldbesatz ihresgleichen sucht.

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