Strafvollzug in Bolivien – Gesetzlose Räume

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Datum: 26. August 2013
Uhrzeit: 06:37 Uhr
Ressorts: Leserberichte
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Daniel Zuber, La Paz (Leser)
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Palmasola ist eine Gefangenenstadt im südamerikanischen Binnenstaat Bolivien. Es handelt sich um eine abgeschlossene Hüttensiedlung, die Ende der achtziger Jahre errichtet wurde, etwa zehn Kilometer südlich des Stadtzentrums von Santa Cruz im Ortsteil Palmasola gelegen. Ein Blick auf den bizarren Strafvollzug in Bolivien, nachdem aufgrund eines Bandenkrieges im Gefängnis Palmasola in Santa Cruz am vergangenen Freitag mehr als 30 Personen – darunter ein Kleinkind – den Tod fanden:

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„Gegen sechs Uhr morgens, zu der Zeit an welcher normalerweise der Müll abtransportiert wird, sind Häftlinge in den Sektor A gestürmt, bewaffnet mit selbst gefertigten Waffen, Messern und Macheten“, erklärt Boliviens Innenminister Carlos Romero die Geschehnisse vom Freitag. „Weiter wurden Gasflaschen als Flammenwerfer verwendet. Dadurch ist auch der grosse Brand entstanden.“ Bei dem Angriff fingen die mit Stroh gefüllten Matratzen Feuer, Gasflaschen explodierten, ein Flammeninferno brach aus. Erst gegen sieben Uhr drangen nach Angaben der Zeitung „La Razón“ etwa 700 Polizisten in den betroffenen Gefängnisbereich ein um den Brand zu löschen und die Opfer zu bergen. Die Bilanz: Über 30 Tote und mehr als 50 Verletzte.

Hintergrund der Auseinandersetzung stehen Kämpfe um die Kontrolle des Sektors A, wo die herrschenden Gefangenen von Neuankömmlingen Schutzgeld zwischen 20 und circa 2000 Dollar einkassieren. Effektiv haben die Gefangenen in Palmasola das Sagen. Es handelt sich bei dem grössten Gefängnis Boliviens im Grunde um eine autonome Stadt mit Frisiersalons, Geschäften und Imbissbuden, welche autonom durch die Häftlinge verwaltet wird. „Die Häftlinge müssen sich – gleich wie in Freiheit – ihren Lebensunterhalt irgendwie verdienen. Nichts ist umsonst und wer kein Geld hat kommt auch nicht so schnell wieder raus“, so Pablo Camacho von der Organisation Ayni Ruway, welche auch Projekte in Strafvollzugsanstalten in Bolivien durchgeführt hat. Parallelökonomien haben sich etabliert. Das meiste ist käuflich, sogar die Zellen.

Auch im Gefängnis San Pedro in La Paz sind die Bedingungen ähnlich. Bis vor kurzem konnte man gegen eine bescheidene Zahlung eine Touristentour durch das Gefängnis machen. Verschiedene Reportagen und Videoaufzeichnungen belegen solche Touren und geben bedenkliche Einblicke in den Gefängnisalltag. Auch hier finanzieren sich viele Insassen ihren Lebensunterhalt durch eigene Geschäfte, Restaurants, Wäschereien, Kliniken oder Imbissbuden. Das Gefängnis soll nun geschlossen werden, da die Insassen immer mehr die Kontrolle übernommen haben und der Staat keinen Einfluss mehr hat. Die Vergewaltigung eines 12-jährigen Mädchens von mehreren Insassen zählt zu den offiziellen Gründen für die Schliessung, welche die bolivianische Regierung im Juli vorgetragen hatte.

Tatsächlich sitzt in Bolivien zudem ein Grossteil der Gefangenen ohne Verurteilung in Haft und wartet auf einen Prozess: „Präventivhaft nennt man das hier“, so Camacho. Manche Häftlinge warten bis zu zehn Jahre auf ihr Urteil.

Was für europäische Verhältnisse absurd erscheinen mag, ist in vielen süd- und mittelamerikanischen Ländern üblich, wie etwa Berichte aus dem cárcel Modelo in Bogotá oder aus den nach Bandenzugehörigkeit segregierten Haftanstalten in El Salvador und Honduras bestätigen. Der bizarrste Aspekt und das vermutlich einzigartige des Strafvollzuges in Bolivien ist jedoch darin zu sehen, dass die Familien der Häftlinge oft mit diesen zusammen in den Gefängnisse leben. Sie dürfen zwar aus dem Gefängnis zum Arbeiten oder um die Schule zu besuchen, der Gewalt und den widrigen Lebensbedingungen bleiben sie jedoch ausgesetzt.

Der Gedanke der Resozialisierung scheint im bolivianischen Strafvollzug gänzlich zu fehlen. Vergeblich sucht man nach staatlichen Bemühungen zur Widereingliederung von Häftlingen in die Gesellschaft. Aktuell stehen einem Gefangenen täglich 6.6 Bolivianos (etwa 1 Dollar) zur Verfügung – wie viel davon letztlich tatsächlich den Häftlingen zu kommt, bleibt fraglich, so Maria Angeles Conzalez, Koordinatorin der Pastoral Penitenciaria, einer katholischen Organisation, welche sich um die Rechte der Häftlinge kümmert.

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