Lateinamerika: Warum gibt es mehr Fälle von Mikrozephalie in Brasilien als in anderen Ländern?

verzweifelt

Schädelfehlbildungen bei Babys (Mikrozephalie) werden mit dem Zika-Virus in Verbindung gebracht (Foto: Reprodução / TV Mirante)
Datum: 04. September 2016
Uhrzeit: 14:00 Uhr
Leserecho: 1 Kommentar
Autor: Redaktion
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Zika hat sich in der Karibik, Zentral- und Südamerika rasant ausgebreitet, das vorwiegend von Stechmücken übertragene Virus ist inzwischen in den USA, Singapur und weiteren Ländern angekommen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und verschiedene Gesundheitsbehörden sind durch die Tatsache verwirrt, dass Fälle von Mikrozephalie (Schädelfehlbildung bei Neugeborenen) offenbar in Brasilien viel zahlreicher sind als in anderen von der Zika-Epidemie betroffenen Ländern. Bis Ende August dieses Jahres haben die brasilianischen Behörden 1.845 Fälle von Babys mit angeborenen Fehlbildungen bestätigt.

Während der 4. Sitzung des WHO-Dringlichkeitsauschusses zu diesem Thema wurde am vergangenen Freitag in Genf über die hohe Zahl der Erkrankungen im größten Land Lateinamerikas debattiert. „Es gibt große regionale Unterschiede und wir müssen herausfinden weshalb“, so der Direktor des Ausschusses, Dr. David Heymann. Laut dem neuesten epidemiologischen Bulletin der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (PAHO), des WHO-Regionalbüros für Gesamtamerika, wurden bis August 1.845 Fälle von Mikrozephalie bei Neugeborenen bestätigt (Gesamtbevölkerung 206 Millionen). Das zweite Land hinter Brasilien, bei dem eine höhere Inzidenz von angeborenen Fehlbildungen offiziell registriert wurde, ist Kolumbien mit 29 bestätigten Fällen (Gesamtbevölkerung 47 Millionen).

Insgesamt wurden seit dem Jahr 2007 Zika-Infektionen in 72 Ländern beobachtet, aber nur 20 dieser Staaten berichteten von Fehlbildungen des Nervensystems von Säuglingen, die mit dem Virus in Verbindung gebracht werden. Verschiedene Theorien versuchen den Grund der hohen Mikrozephalie-Raten vor allem in Brasilien zu erklären, aber bisher ist keine schlüssig. Das am weitesten akzeptierte und inzwischen wieder verworfene Argument war, dass der Ausbruch in Brasilien früher als im Rest von Lateinamerika begann und sich von dort auf die ganze Region ausbreiten konnte.

Der Zeitablauf vom Beginn der Epidemie, die Interaktion mit anderen Krankheiten und sozioökonomische Bedingungen, sind die wahrscheinlichsten Ursachen für die Diskrepanz. Auf der Sitzung der WHO wurde ausgiebig darüber diskutiert, ob der Viren-Stamm, der die Epidemie in Brasilien verursachte , aus Asien stammt und damit gefährlicher wäre als sein Zwilling aus Afrika. „Wir analysieren die Unterschiede zwischen den Stämmen“, teilte Heymann mit. Demnach hängt die Unverhältnismäßigkeit der Fälle in Brasilien vom Verständnis des Phänomens als Ganzes ab. Die Zeitspanne vom Beginn der Epidemie und der Virusprävalenz sind die richtigen Parameter, Studien in der Bevölkerung müssen rückwirkend verstanden werden und es muss definitiv feststehen, wie viele Menschen tatsächlich in Brasilien infiziert wurden. „Eine Million? Fünfzig Millionen? Wir müssen das wissen, um die Fälle von Mikrozephalie auf einen Nenner zu bringen“.

„Stellen Sie sich vor, wenn im Nordosten von Brasilien 80% der Bevölkerung bereits infiziert sind. Dann würden die Zahlen über Mikrozephalie Sinn machen. Aber wenn weniger als 2 Millionen infiziert wurden, würde es immer noch viele Millionen gefährdeter Menschen geben. Dann wäre die Krankheit viel komplizierter, als es scheint“, analysiert der Virologe Paolo Zanotto. Das öffentliche Gesundheitssystem Brasiliens ist eine Katastrophe, weshalb die Infizierung mit dem Virus als „eine offene Frage“ bezeichnet wird. Es gibt viele laufende Studien, einschließlich der Kontrollgruppen vor allem im Nordosten des Landes, die Variationen in der Häufigkeit von Komplikationen zu erklären versuchen.

Genetik, Ernährung und Umweltkontamination sind eine Vielzahl von Faktoren, die ausgewertet werden müssen um die Häufigkeit der Fehlbildungen zu verstehen. Die Herausforderung für die Wissenschaftler besteht nicht nur aus der Definition von Cofaktoren (niedermolekulare Substanzen, die zum Ablauf einer (bio)chemischen Reaktion beitragen), sondern auch die Interaktion zwischen ihnen. „Im Nordosten gibt es eine Prävalenz von Dengue-Fieber, die viel höher ist als im Rest von Brasilien. Etwa 80% der Bevölkerung hatte bereits Dengue. Die Forschung hat gezeigt, dass dies ein Verstärker des Problems sein kann“, exemplifiziert Zanotto. Er hebt hervor, dass auch der Index für menschliche Entwicklung (HDI), der Maßstab des sozioökonomischen Status der Bevölkerung, bewertet werden muss.

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  1. 1
    Vladislaw Bronski

    …vielleicht hat da Einer die Türe von einem Biowaffen-Labor offen gelassen????

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