Brasilien: Nah dran ist weit voraus

baum

Araukarie. war über Jahrhunderte der „Brotbaum“ der Gesellschaft und der Holzindustrie (Foto: hs-rottenburg)
Datum: 14. März 2017
Uhrzeit: 14:03 Uhr
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Autor: Redaktion
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Kaum ein Thema wird in Brasilien seit der Absetzung der Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff im Umweltbereich so kontrovers diskutiert wie das generelle Nutzungsverbot für alle sog. „bedrohten Naturbaumarten“. Im Zentrum dieses von Naturschutzverbänden durchgesetzten, landesweiten Einschlagsverbot steht die Baumart Araukarie. Sie war über Jahrhunderte der „Brotbaum“ der Gesellschaft und der Holzindustrie, insbesondere im Süden Brasiliens – auch in Paraná, dem Partnerstaat Baden-Württembergs. Deshalb liegt der Fokus der Forschung eines gemeinsamen Projekts der HFR und der Universität UNICENTRO ebenfalls auf dieser bemerkenswerten Baumart. Seit sechs Jahren geht es in dieser Arbeit, die zu drei Vierteln von der brasilianischen Seite finanziert wird, um die Frage, wie man diese inzwischen vom Aussterben bedrohte Baumart nachhaltig bewirtschaften könnte – und welche Rolle dabei vor allem kleine Landbesitzer und kleinbäuerliche Strukturen übernehmen könnten.

Das Nutzungsverbot führte nun – entgegen einer zunächst erteilten Sondergenehmigung – dazu, dass auch die wissenschaftlich motivierte Holznutzung im Projekt ausgesetzt werden musste, obwohl diese gerade Hinweise darauf geben sollte, ob eine planmäßige Nutzung und ständige Erneuerung der Wälder nicht die erfolgreichere Schutzstrategie wäre. Es zeigt sich nämlich, dass das geltende absolute Verbot genau das Gegenteil von dem auslöst, was es eigentlich soll: die Waldbesitzer fürchten, dass jede (zusätzliche) Araukarie auf dem eigenen Grund und Boden dazu führen könnte, dass der gesamte Landbesitz unter Schutz gestellt wird. Deshalb sind sie aufmerksam darauf bedacht, jeden Araukarienkeimling auszureißen, bevor er von den Behörden „entdeckt“ und dann sofort geschützt wird.

„Eine erfolgreiche Vermehrung der Araukarie und anderer sog. `Naturbaumarten´ im Rahmen von nachhaltigen Nutzungskonzepten war eines der Ziele unserer Arbeit mit den Landbesitzern in Paraná“, erläutert der Projektleiter, Prof. Artur Petkau, „nun scheinen sich diese Erfolge in ihr Gegenteil zu verkehren: wenn die Gesetzgebung nicht überdacht wird, wird es schon sehr bald nur noch alte Araukarien geben und sie wird schon deshalb aussterben, weil es keinen Nachwuchs mehr gibt.“

Viele brasilianische Fachleute und auch Fachbehörden sehen das genauso. Es lag für die Projektverantwortlichen deshalb nahe, sich für eine Reform des gut gemeinten, aber schlecht gemachten Schutzgesetzes einzusetzen und die Folgen am Beispiel des eigenen Projekts zu erläutern. Dabei zeigt sich, dass es für die „Experten aus Deutschland“ wesentlich einfacher ist, sich engagiert fachlich und politisch einzusetzen als für ihre brasilianischen Kollegen, denen immer wieder eigene politische und wirtschaftliche Interessen unterstellt wurden. Hier hilft die Distanz der HFR ganz offensichtlich sogar, „nah“ an einer aktuellen und durchaus brisanten Fragestellung eines anderen Landes „dran“ zu sein.

In enger Abstimmung und Zusammenarbeit mit ihren Kollegen der Universität UNICENTRO in Irati führen Prof. Petkau und die Projektkoordinatorin der HFR, Amanda Frommherz, im Rahmen ihres aktuellen Forschungsaufenthalts in Paraná viele Gespräche im Interesse der Waldbesitzer im Süden Brasiliens und der Nachwuchssicherung für die Araukarie: Nicht weniger als drei Fachminister, zwei Abgeordnete, mehrere Kommunalpolitiker, über 20 Eigentümer kleiner und großer Waldbesitze, mehr als zehn Professorinnen und Professoren mehrerer Universitäten sowie der Direktor der wichtigsten Naturschutzbehörde standen für diesen Austausch zur Verfügung. Einige von ihnen suchten selbst aktiv den Kontakt zu den deutschen Forstexperten.

„Diese jüngste Entwicklung unseres Projekts zeigt zum einen ganz grundsätzlich die hohe Bedeutung der angewandten Forschung für aktuelle gesellschaftspolitische Fragestellungen“, stellt Rektor Bastian Kaiser fest, der selbst an einem Teil der Gespräche in Brasilien teilgenommen hat, „und sie ist Ausdruck für die hohe Anerkennung meiner Kolleginnen und Kollegen aus Baden-Württemberg und aus dem Bundesstaat Paraná, die hier seit mehreren Jahren eine ausgezeichnete, sehr verantwortliche Arbeit machen, die von gegenseitigem Respekt gekennzeichnet und geeignet ist, politische Entscheidungsträger zu überzeugen – oder zumindest zu beeindrucken.“

Ob es gelingen wird, den Gesetzgeber mit den Überlegungen und Eindrücken aus dem Projekt zu erreichen und letztlich von einem notwendigen Umdenken zu überzeugen, ist derzeit noch nicht abzuschätzen. Sicher ist aber schon jetzt, dass das Engagement aus dem Neckarland wichtige Impulse in einer aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion des Amazonas-Staates gibt. Anfang März berichtete zum Beispiel eine der größten Zeitungen der Metropole Sao Paulo über das Projekt – und nicht etwa in ihrer wissenschaftlichen Rubrik, sondern im Politikteil des Blattes. Die HFR ist offenbar nicht nur „nah dran“ an diesen Überlegungen und Auseinandersetzungen, sondern mittendrin. Ob sie mit ihrer Auffassung und ihren Vorschlägen einer kommenden Entwicklung „weit voraus“ ist, wird auch in diesem Fall erst die Zukunft zeigen. Den bedrohten Baumarten in Brasilien und den kleinen Grundbesitzern im Süden des Landes wäre es jedoch zu wünschen.

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