Schwerer Weg der Verständigung: John trinkt trotz Reiseverbots Methusalem in Santiago de Cuba

Kuba1

Datum: 23. Februar 2010
Uhrzeit: 09:54 Uhr
Ressorts: Kuba, Panorama
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John hat das Glas mit Rum auf die breite Armlehne des Schaukelstuhls gestellt. Er wippt leicht, zieht genüsslich an seiner Zigarre und lauscht dem Gespräch zwischen seinem Gastgeber und dessen Besuch. Der bärtige Weiße mit der Baseballkappe hat für ein volles Haus in Rafaels kleiner Pension im Herzen von Santiago de Cuba gesorgt. Selbst der Parteiorganisator ist gekommen, um mit dem seltenen Touristen zu sprechen. Diskutieren will er. Über das für sein Land schädliche Embargo der Vereinigten Staaten und auch aufpassen, dass seine Landsleute nicht allzu sehr jammern. Denn John ist ein waschechter Yankee und damit eigentlich die leibhaftige Verkörperung des Bösen. Andererseits ist John illegal in Kuba. Zumindest aus Sicht seiner eigenen Regierung.

Denn US-Bürgern ist es ohne spezielle Genehmigung von Washington verboten, auf die sozialistische Insel zu reisen. Auch das gehört zu dem Wirtschaftsboykott, der einst von Präsident Kennedy beschlossen und von seinen Nachfolgern immer weiter durch neue Gesetze verschärft wurde. Eine Abkehr dieser Politik hat erst Barack Obama versprochen. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit kündigte der neue Präsident an, das Embargo gegenüber Kuba lockern zu wollen. Künftig sollten aus Kuba stammende US-Bürger wieder ihre Familien auf der Insel besuchen und ihnen beliebige Geldsummen schicken dürfen. Allerdings war diese Einschränkung erst unter Obamas Amtsvorgänger eingeführt worden. George W. Bush hatte 2004 festgelegt, dass Exil-Kubaner nur noch einmal alle drei Jahre in die Heimat reisen und lediglich alle drei Monate maximal 300 Dollar überweisen durften. Einschränkungen, die selbst unter den Miami-Kubanern zu starken Proteste geführt hatten. Immerhin helfen rund 1,5 Millionen US-Bürger ihren auf Kuba lebenden Familienangehörigen beim Überleben.

Gesetze stellen indes für Exilkubaner keine Hürden da. Sie haben schon auf der sozialistischen Insel gelernt, sie zu umgehen. Geld kann auch über lateinamerikanische oder europäische Europa geschickt werden. Und zehntausende Amerikaner besuchten wie John aus San Francisco die Insel ihrer Träume einfach, in dem sie erst ein anderes Land wie Mexiko ansteuerten. Längst hinterlassen die kubanischen Einreisebehörden keine sichtbaren Zeichen mehr auf den ihnen vorgelegten Pässen, selbst die Ende der  90er Jahren üblichen kleinen Flugzeugstempel sind verschwunden. 2009 sollen mehr als 40 000 US-Bürger Kuba besucht haben. Das meldet zumindest das Zentrum für Touristische Studien in Santiago de Cuba. Angesichts von über zwei Millionen Touristen, die die Insel im vergangenen Jahr besucht haben, ein verschwindend geringe Zahl. Aber die meisten der US-Amerikaner sind Abenteuer suchende Individualreisende, die Castros Reich erkunden wollen und neugierig auf die Einheimischen und ihre Lebensumstände sind. Sie sind aber auch Botschafter der USA und so fällt es John schwer, zu erklären, warum es in seinem Land keine Reisefreiheit gibt, warum Deutsche, Spanier und Italiener, aber auch Kanadier  im Gegensatz zu US-Bürgern frei nach Kuba reisen dürfen.

Es gebe keine besseren Botschafter der Freiheit als Amerikaner kubanischer Abstammung, hatte Obama vor knapp einem Jahr verkündet, als er sogar Direktflüge zwischen den USA und Kuba in Aussicht stellte. Der Präsident wollte auch Telefonfirmen erlauben, auf Kuba aktiv zu werden. Dem Tauwetter ist allerdings mit dem amerikanischen Festhalten an der Wertung Kubas als Schurkenstaat, der Verhaftung eines US-Bürgers in Havanna, der Handys und Computer an Mitglieder der dortigen jüdischen Gemeinde verteilt hatte, und eines Treffen von US-Diplomaten mit kubanischen Oppositionellen wieder eine leichte Eiszeit gefolgt. Die USA würden eine Politik des Umsturzes betreiben, kritisierte Kubas Präsident Rául Castro. Eigentlich war die hochrangige US-Delegation unter Leitung von Staatssekretär Craig Kelly nach Havanna gereist, um über ein neues Einwanderungsabkommen zwischen beiden Ländern zu verhandeln. Kuba fordert dabei von den USA, dass diese jene Klausel abschaffen, nach der Flüchtlinge aus Kuba automatisch US-Bürger werden, wenn sie das amerikanische Festland betreten.

In den kleinen deutschen und italienischen Kolonien in Havanna und Santiago de Cuba sowie einigen anderen Gemeinden werden inzwischen Horrorszenarien für den Fall beschrieben, dass die US-Amerikaner tatsächlich frei nach Kuba reisen dürfen. Man befürchtet einen kulturellen Niedergang des noch immer spanisch geprägten Landes. Immerhin schätzt der Verband der amerikanischen Reise-Agenturen dass nach einer Aufhebung der Sanktionen jährlich rund 850 000 Amerikaner Kuba besuchen. Bleibt die Hoffnung, dass diese dann wie die 915. 000 die Insel besuchenden Kanadier vor allem in den Bettenburgen Varaderos bleiben und Menschen wie John die Ausnahme bleiben. Der diskutiert derweil mit dem Parteisekretär über die Vor- und Nachteile des kubanischen und amerikanischen Gesundheitssystems. Rafael und seine Freunde haben die Flasche Johnnie Walker Red Label fast geleert, während John noch immer ehrfürchtig an der Flasche Methusalem schnuppert, die er einem der Santiagueros abgekauft hat: 15 Jahre alter Rum aus Santiago de Cuba, eine Spezialität.

Photo ©: Chemnitz P.

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