Exhumierung von Pablo Neruda: Der Kampf von Don Manuel Araya

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Datum: 10. April 2013
Uhrzeit: 08:03 Uhr
Ressorts: Füllgrafianas
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Während der Drehvorbereitungen für einen Dokumentarfilm über nachhaltige Fischerei in Chile, im Hause Cosme Caracciolos (der Hauptfigur des Films), lernte ich vor einigen Monaten in der Hafenstadt San Antonio, ca. 100 km von Santiago entfernt, Nobelpreisträger Pablo Nerudas ehemaligen Fahrer und Bodyguard, Don Manuel Araya, kennen. Araya ist die Schlüsselfigur Nerudas neuerlicher Exhumierung; die dritte seit seinem Tode im September 1973. Als Spross einer armen Landarbeiterfamilie, die in den 1950er Jahren der Zukunftslosigkeit entgegen blickte und sich mit einem Umzug Jahren in den Fischereihafen San Antonio bessere Tage erhoffte, wuchs er wenige Kilometer entfernt von Nerudas Domäne in Isla Negra auf.

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Nach zweijähriger Amtszeit als Botschafter Chiles in Paris kehrte Pablo Neruda 1972 überraschend nach Chile zurück, wo er enger mit der Regierung Salvador Allendes, dem er 1970 seine eigene Präsidentschafts-Kandidatur geopfert hatte, zusammen arbeiten wollte. Manuel Araya war damals gerade 26 Jahre alt, diente dem chilenischen Parlament und wurde Ende 1972 in dieser Funktion vom erlauchtesten Mitglied der Kommunistischen Partei Chiles, Pablo Neruda, zugestellt.

Die Begegnung von Fahrer und inzwischen viel übersetztem und weltberühmten Dichter war schnell von einer Verbundenheit geprägt: Die gemeinsame Herkunft aus armen Verhältnissen, Neftalí Ricardo Reyes Basoalto war als Sohn eines einfachen Bahnarbeiters, José del Carmen Reyes Morales, 1904 im zentralchilenischen Parral geboren worden und ohne Mutter, der kurz nach seiner Geburt verstorbenen Volksschullehrerin Rosa Basoalto Opazo, aufgewachsen. Als Hommage an den Prager Novellisten des XIX. Jh., Jan Nepomuk Neruda, hatte er sich bereits als Heranwachsender den Pseudonym „Pablo Neruda“ zugelegt und später als offiziellen Namen urkundlich gemacht. 1906 zogen Vater und Sohn nach Temuco, in Araukanien, wo Neruda seine ersten Gedichte schrieb. Doch auch die Rückkehr in die Provinz Maule verbesserte das Leben der Reyes nicht, Aussichten auf eine verdientere Zukunft beseelten Neruda erst im fernen Santiago.

Als nun der junge Araya zu ihm stiess, wusste Neruda wovon sein Fahrer sprach, wenn er sagte, „a mí no me gustaban las humillaciones – ich liebte die Demütigungen nicht“. Die Armut als gemeisname Jugendgefährtin förderte ihre Freundschaft.

Und dann passierte es: Am 14. September 1973, einen Tag nach dem Militärputsch, überfielen sie Nerudas Haus; zuerst das Heer, dann die Marine. Jede Menge teurer Mitbringseln aus dem Ausland liessen die Militärs mitgehen, Nerudas Eigentum wurde geplündert. “Angeblich suchten sie nach Waffen und Führern der KP, die Neruda versteckt haben sollte“, erzählt Araya im Ton der Aufregung, so als wäre er gerade erst aus dem Albtraum erwacht. „Als Nobelpreisträger und Diplomat, dachte ich, sei Neruda unantastbar, aber das Vorgehen der Militärs belehrte mich eines Neuen!“.

Am 18. September 1973 bekamen Matilde Urrutía, Nerudas dritte Ehefrau und Araya es mit der Angst zu tun: Ein Kanonenboot hatte vor dem Strand von Isla Negra Position bezogen und seine Geschütze auf des Dichters Haus gerichtet. „Da er ausserdem deprimiert war über Allendes und des Sängers Victor Jaras Tod, beschlossen wir ihn in die Prestigeklinik Santa María, in Santiago, einzuliefern.“

In einer Nebenhandlung hatte Mexikos Botschafter, Gonzalo Martínez Corbalá, Vorbereitungen für Nerudas Exil getroffen: am 22.September landete eine offizielle Maschine der mexikanischen Regierung auf dem Santiagoer Flughafen Pudahuel, um Neruda am nächsten Tag auszufliegen; das Unternehmen war offenbar mit den Putschisten abgesprochen. „Zunächst wollte der Dichter nicht, er sagte, er könne doch nicht sein Volk im Stich lassen“, erinnert sich Araya. Doch am 21.September willigte Neruda ein und bat Matilde, sie möge nochmal nach Isla Negra fahren, um Bücher,Bilder und Garderobe einzupacken. Matilde fuhr mit Araya die Sierra herunter. Doch schon am nächsten Morgen liess Neruda sie ans Telefon eines Nachbars rufen, sie sollten umgehend zurück in die Klinik kommen, es ginge ihm schlecht. „Apúrese Manuel que la inyección le hizo mal a Pablo – Beeilen Sie sich, Manuel, die Spritze ist Pablo schlecht bekommen“, drängte Matilde Urrutía den Fahrer auf der überstürzten Rückfahrt nach Santiago.

Ausser Atem vor dem Bett Nerudas stehend, habe der Dichter Araya einen Spritzeneinstich auf Magenhöhe gezeigt und gesagt, die Spritze habe Schmerzintensivierend gewirkt. War es Dipirona? Man weiss es bis heute nicht, Nerudas Behandlungsschein ist spurlos verschwunden – der Ungereimtheiten blosse Vorgeschichte, die Arayas Misstrauen schärfte.

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In seiner wöchentliche Kolumne stellt Frederico Füllgraf aktuelle Themen vor und versucht zugleich, indiskutable Fortschritte in Politik, Bilateralen Beziehungen, Wirtschaft, Soziales, Umwelt und Kultur auf die Spur zu kommen.

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