In Haiti atmet die Erde

Lac-d-Azuey-1

Datum: 07. März 2010
Uhrzeit: 20:14 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Vier Bergketten, durch langgestreckte Talfurchen voneinander getrennt, durchziehen die Insel Hispanola von Nordwesten nach Südosten. Die höchste, die Cordillera Central ist zugleich das höchste Gebirge der Dominikanischen Republik und der ganzen Westindischen Inseln. Sie erreicht im Pico Duarte eine Höhe von 3175 m. Der höchste Berg Haïtis ist der Morne La Selle. Er erreicht 2.674 m, ist der viert höchste Berg der Karibik und liegt in der Chaîne de la Selle. Er ist Teil des National Parks La Visite.

Große Höhenunterschiede sind typisch für die Insel und auch für den die Insel umgebenden untermeerischen Bereich. So fällt der vor der Nordküste verlaufende Puerto-Rico-Graben bis in eine Meerestiefe von 9219 m ab, den tiefsten Punkt des Atlantischen Ozeans. Ähnliche Tiefgräben bestehen rundum in den Antillen. Sie zeugen von der tektonischen Unruhe und vom marinen Ursprung der Inseln, welche vulkanisch entstanden und von Korallenbewuchs weitergestaltet wurden. Die tektonisch aktive Zone verläuft entlang der Grenze zwischen der Amerikanischen und der Karibischen Platte, wo noch heute vulkanische Aktivitäten auf den Kleinen Antillen ausgelöst werden. Die Grabenzone erstreckt sich vom Caymangraben über Kuba bis zu den Kleinen Antillen.

Auch das Land selbst ist voller Grabenbrüche. Der größte ist auf der haïtianischen Seite die Cul-de-Sac-Depression und auf der Dominikanischen die Enriquillo-Senke mit dem Azüey-See (Indianername) oder Étang Saumâtre auf der haïtianischen, und dem Lago Enriquillo (Indianername Hagueygagon) auf der Dominikanischen Seite. Die Seen sind Reste einer ehemaligen Meeresstraße, die Hispanola vor einer Million Jahren in zwei Inseln getrennt hatte, und liegen bis zu 46 m unter dem Meeresniveau. Sie sind die größten Seen des jeweiligen Landes und bestehen aus Salzwasser, wie es sich für rechte Meeresreste gehört. Man nennt den Hoya de Enriquillo auch „Hispaniolisches Rift Valley“, wie man den Ostafrikanischen Graben bezeichnet. Und wie beim afrikanischen Vetter, so liegen auch im hispanolischen Graben mehrere Seen, wovon zwei große. Der haîtianische Azüey-See ist 29 km lang, bis zu 10 km breit und bedeckt 170 km². Es sollen hier immer noch 100 Arten von Wasservögeln leben, Flamingos und Amerikanische Krokodile. Der Hagueygagon-See oder Lago Enriquillo ist sogar 42 km lang, bis zu 12 km breit und bedeckt 265 km². Auf einer seiner Inseln liegt ein Nationalpark mit noch mehr Tierarten.

Die Erde atmet dauernd. Sie hebt und senkt sich, manchmal rumorend mit Beben oder gigantischen Feuerwerken manchmal sich still hebend und senkend wie der Brustkorb eines schlafenden Riesen. Die andauernde Hebung des Azüey-Sees ist zu einem Problem geworden. Die stark befahrene Hauptstraße von Port-au-Prince nach Santo Domingo wird immer mehr überflutet, muss fortwährend aufgeschüttet und durch Erdwälle gesichert werden, Uferpflanzen ertrinken im steigenden Wasser. Die Grenz- und Zollstationen liegen schon unter Wasser, die Zollgebäude auf der dominikanischen Seite mussten evakuiert und höher oben neu errichtet werden. Dorf und Markt stehen teilweise unter Wasser. Hinter den neuen, provisorischen Zollgebäuden, die noch nicht im Wasser stehen, sind Dutzende von Baumaschinen parkiert. Sie sehen aus wie Rieseninsekten aus einem Science Fiction-Film. Im Einsatz werden sie Felsbrocken und Schotter in ihre unersättlichen Rachen kratzen, diese Lasten ein paar Meter weit an den Rand der ertrinkenden Straße tragen und sie in den Seerand spucken, um dessen ständige Ausdehnung einzudämmen.

Besonders der Azüey-See steigt und steigt. Geologen aus den Inselländern und aus dem Ausland versuchen das Phänomen zu erklären. Bisher vergeblich. Ich vermute, dass es eine tektonische Hebung ist. Solche Hebungen können aus vielen Gründen erfolgen, zum Beispiel kann das durch die Eisschmelze zunehmende Wassergewicht der Ozeane Schollen im Meer tiefer drücken was ausgleichsweise wie eine Hebelwaage eine andere Scholle „isostatisch“ in die Höhe drückt. Hebungen und Senkungen der Schollen können auch ohne isostatische Störung durch horizontalen Zusammenschub oder Streckung infolge Gebirgsbildung, Faltenzusammenschub, Bruchbildung, Bruchdehnung, Ausziehen tieferer Schichten und anderswie bewirkt werden. Auch Änderungen der Gleichgewichtsabplattung der Erde, astronomische Änderungen der Erdbewegung oder Verlagerungen der Erdachse und anderes mehr können Hebungen und Senkungen bewirken.

Zwischen den beiden Seen durchquert die Staatsgrenze zwischen Haïti und der Dominikanischen Republik den Grabenbruch. Gegen die beidseitigen Höhenzüge steigt sie steil als „Grüne Grenze“ bergan, von der während des Cédras-Putsches ein Drogenschmuggler am Radio sagen konnte, hier sei es selbst für seinen Hund ein Kunststück, über Nacht nicht Millinär zu werden. Da liegen die Grenzorte Malpasse mit haïtianischer und Jimani mit dominikanischer Zollstation. Eine Grenze die bebt und zittert. Tektonisch, und politisch. Die beiden Inselstaaten sind immer wieder im Clinch. Die Grenze wurde und wird für Kinder- und Sklavenhandel, illegalen Übertritt von Grenzgängern und Wirtschaftsflüchtlingen, Drogenschmuggel und anderes missbraucht. Sie wurde immer wieder geschlossen. Erst in diesen Tagen machte der Grenzübergang wieder von sich reden.

Mehrere Buslinien sichern die Landverbindung zwischen Port-au-Prince und Santo Domingo, darunter Capital Coach Lines als einziges haïtianisches Unternehmen. Es steht in Konkurrenz zu einigen dominikanischen Unternehmen wie Terra Bus und Caribe Tours, die in Haïti allgemein aber offenbar fälschlich als haïtianisch betrachtet werden. Am 19.November und 5.Dezember attackierten Mitglieder der vier konkurrierenden dominikanischen Transportunternehmen und der Chauffeurgewerkschaft von Jimani den Bus von Capital Coach Lines, verletzten einen Passagier und schlugen seine Frontscheibe ein. Die dominikanischen Individuen verlangten zudem ein Lösegeld von 300 U.S. Dollars. Die Terroristen wollten damit den geplanten Kauf eines zweiten Busses durch Coach Lines verhindern, der zwischen den Hauptstädten ebenfalls täglich verkehren sollte. Die Gesellschaft hatte von den dominikanischen Behörden dazu grünes Licht erhalten, die Bewilligung umfasste sogar bis zu 3 Reisen pro Tag. Sie bedauerte dass ein legal in der Dominikanischen Republik operierendes Unternehmen gegen Terroristen und kriminelle Banden kämpfen müsse, die das Leben ihrer Passagiere gefährde.

Seit 21.Dezember 2008 blockieren Transpörtler der Busunternehmen Caribe Tours und Terra Bus sowie dominikanische Gewerkschafter die Grenze erneut. Sie sind neidisch dass eine zusätzliche Direktverbindung zwischen den Hauptstädten durch ein haïtianisches Busunternehmen erfolgen soll. Mitglieder der dominikanischen Chauffeurgewerkschaft demonstrierten und blockierten die Straßen in Jimani und Malpasse. Die Dominikaner finden, dass das Militär an der Grenze Ordnung schaffen soll. Nach 5 Tagen Blockade einigten sich die Gewerkschaften beider Länder, den Verkehr nicht weiter zu behindern, und täglich darf wieder ein Bus pro Gesellschaft von Port-au-Prince nach Santo Domingo fahren und umgekehrt, was allerdings nicht genügt. Es waren also nicht haïtianische, sondern dominikanische Unternehmen wie Terra Bus & Co., die ihre Fahrgäste im Stich ließen, in voller Kenntnis des Problems abkassierten und an der Grenze einfach aussetzten und stehen ließen, wo es weit und breit weder ein Hotel noch Taxis gibt. Beides, das Abkassieren ohne Gegenleistung wie das Aussetzen und Stehenlassen durch Terra Bus & Co. finde ich mindestens ebenso kriminell wie die Attacke der Dominikaner auf Coachline. All dies sind terroristische Praktiken, bodenlose Frechheit und Respektlosigkeit den sich freiwillig anvertrauten Passagieren gegenüber.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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