Venezuela: Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall

freud

Foto: Flick/Elroy Serrao
Datum: 28. April 2014
Uhrzeit: 15:07 Uhr
Ressorts: Leserberichte
Leserecho: 1 Kommentar
Autor: Martin Bauer, Caracas (Leser)
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Meldungen von Inflationsraten haben inzwischen selber Inflation, solange man sie nicht von der venezolanischen Regierung erwartet. Es werden täglich mehr, jede lautet anders, und jede will die vorherige überbieten. Wie kommt’s? fragen sich da der Normalbürger. Und deren Meinungen gehen noch weiter auseinander, als die „gedruckten“ Resultate. Denn nicht nur die „gefühlten“ Inflationsraten sind höchst unterschiedlich, auch die tatsächlichen differieren für jeden Geldbeutel beträchtlich, je nach Kaufgewohnheiten und Flexibilität des Betroffenen.

Eine tatsächliche Inflationsrate zu ermitteln ist schon in einem „normalen“ Land alles andere als einfach. Jedoch ist sie dort normalerweise so niedrig, dass Differenzen unterschiedlicher Berechnungsverfahren für den Bürger kaum ins Gewicht fallen. In Venezuela dagegen kann, je nach politischem Standpunkt und veranschlagter Methode, ein „kalkulierter“ Inflationswert fast überall landen, zwischen jenen 100%, welche das völlige Verschwinden von Geldwert markieren und einer Untergrenze von etwa 30%, jenseits derer sich sogar die „Wirtschaftsexperten“ der Linke kaputt lachen würden, wenn denn jemand auf die Idee käme, etwas so Abwegiges zu behaupten.

Als ein internationaler Standard-Richtwert gilt die Preisänderung eines „Musterwarenkorbs“. Doch was nutzt der, wenn einige darin enthaltene Produkte im Land gar nicht verfügbar sind? Oder wenn man dafür stundenlang Schlange stehen muss, also zusätzlich noch mit Zeit bezahlt, in der man zwanzig oder hundert mal mehr Geld verdienen könnte, als das begehrte Produkt kostet? – Und nicht zuletzt, was hilft einem die Inflationsquote von einigen ausgewählten Norm-Produkten, wenn man vielleicht selber völlig andere Konsumgewohnheiten hat, oder Investitionen und laufende Kosten für ein Unternehmen kalkulieren muss?

Betrachtet man die Änderung der Kaufkraft des Bolivar Fuerte, so trifft man im Groben auf vier Kategorien von Waren, deren Preisgestaltung unterschiedlicher kaum sein kann:

1. Produkte aus 100% nationaler Herkunft. – Diese erfahren die niedrigste Preissteigerung, obwohl sie für Mindestlohn-Empfänger bereits horrend ist. Sie verschwinden aber auch zusehends vom Markt, dank Firmenenteignungen und staatlichen Fehlentscheidungen. – Hierzu zählen grundsätzlich auch Dienstleistungen, die jedoch oft wundersame Preissprünge erfahren, welche keiner kaufmännischen Nachkalkulation standhalten. Wer regelmässig Taxi fährt oder zum Friseur geht, weiss was ich meine.

2. Im Land montierte oder veredelte Produkte mit importierten Komponenten. – Deren Preissteigerung ist deutlich höher, abhängig vom Wert der importierten Teile und den unter Punkt 3 und 4 genannten Faktoren.

3. Zu 100% offiziell importierte Waren, entweder von der Regierung selber oder unter Nutzung von staatlich gewährten Devisenzuteilungen. – Dieses Geschäft nimmt rapide zu und befindet sich weitgehend in der Hand von hohen Chavistas und deren Sippen. Die Preise sind oft mit der Regierung abgesprochen und schwer nachvollziehbar. Meist sind sie überteuert, manchmal aber überraschend günstig, wenn entweder der seinerzeit todgeweihte Chávez noch den Preis spontan in einer Fernseh-Live-Sendung festgelegt hatte und es nun keiner wagt, sich mit dessen Geist anzulegen, oder wenn Maduro gerade einen Anfall von „sozialem Gewissen“ hatte (d.h. der Besitzer der Importfirma ist politisch in Ungnade gefallen, wegen verdächtig hoher Intelligenz oder Eigeninitiative).

4. Zu 100% importierte Waren, die mit am Parallelo getauschten Devisen bezahlt wurden. – Deren Preise hängen direkt vom Cúcuta Kurs ab. Weil der Parallelo etwas nachgegeben hat sind sie seit Mitte Januar nicht gestiegen, im Jahr davor aber astronomisch. Allerdings hat das Eingreifen Maduros in die Preisgestaltung solche Waren weitgehend aus den Läden verschwinden lassen, oft die Läden gleich mit. Inzwischen muss man diesbezüglich auf MercadoLibre zurückgreifen, wohin des Ex-Chauffeurs lange Finger nicht reichen…

Diese Differenzierung macht klar, wer „mangels Masse“ nur gerade eben seinen Grundbedarf decken kann und dies aus vorwiegend einheimischen Produkten. Diesen Käufer trifft eine weitaus niedrigere Inflationsrate als denjenigen, der Delikatessen wie 18-21-jährigen Whisky und iPhones in seinen Warenkorb legt – den er mit einem Mercedes, Cherokee oder Avalanche in die Villa transportiert. Das klingt ein wenig nach sozialer Gerechtigkeit – zumindest dann, wenn jene wohlhabende Person ihr Geld auch in Bolivares Fuertes verdienen muss. Das wahre Problem ist, dass jeder, auch der Arme, immer mehr importiere Produkte in den Standard-Warenkorb legen muss, weil es die einheimischen nicht mehr gibt, also wesentlich teurere Produkte der Kategorien 2 und 3. Das schmerzt in den meisten Kassen und überfordert viele. Dies treibt die individuelle Inflation, besonders für die sozial Schwächeren, nach oben, längst aber auch für die Mittelklasse. Das lässt die Betroffenen aus jedem Vogel nur den „Uhl“ schreien hören.

Für Normalverdiener sind Produkte der Kategorie 4 völlig außer Reichweite und auch in der Mittelklasse haben nicht mehr viele die Knete für 70“ Fernseher und HighTech-Produkte mit dem angebissenen Apfel. Will man im Land kaum erhältliche Waren bei einer Auslandsreise kaufen, muss man Bolivares gegen Dollar oder Euro wechseln, und dies zum Cúcuta Kurs. So oder so kostet das iPhone 1,5 Mindestmonatslöhne, das Laptop ein Vielfaches. Normale Leute der Mittelklasse machen das kaum noch. Und wenn, dann erst nach einigem Überlegen und schmerzlichem Durchatmen. Die Reichen dagegen zahlen jeden Preis, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Armen, die stehen während dessen für zwei Tüten Mehl in einer endlosen Schlange… Aber Vorsicht! Längst nicht alle in den Armenviertel sind auch arm! Hier finden sich, wenn man mal in die eine oder andere Wohnung schauen kann, recht viele Heimkinos vom Wert eines Kleinwagens, und den Freundeskreis lichtet man mit dem iPad ab. Gut, nicht Wenige hier haben einen soliden Job oder eine kleine Firma. Aber vor allem dank Maria Huana und anderer Schutzheiliger des schnellen Geldes, sowie der lukrativen Tätigkeit der „Tupamaros“ oder „Colectivos“ genannten Sozialhelfer, stößt man in diesen Vierteln auf mehr Wohlstand, als es von außen her den Anschein hat. Also, Hugo, alter Genosse von Fidel dem Massenmörder, posthum betrachtet, muss ich zugeben, sooo schlecht, wie viele behaupten, verlief deine Revolution denn nun auch wieder nicht! Wer die Eier hat, sich zu nehmen, was er will, kann es in „deinem“ Land zu etwas bringen, bis auch die für ihn gegossene Kugel ihr Ziel findet. Aber man hat wohl versäumt, dir zu sagen, dass das im Kapitalismus auch geht, nur mit viel weniger Kollateralschaden.

Gänzlich anders trifft in Venezuela das systemlose Finanzsystem jene, die ihr Geld in harter Währung im Ausland verdienen und privat zum Cúcuta Kurs tauschen. Für sie erklingt die Nachtigall aus jedem gefiederten Wesen, Tag und Nacht. Das gilt zunächst einmal für viele PSUV Mitglieder, deren Angehörige und Freunde, sofern sie weder zum Heer der schmarotzenden Almosenempfänger gehören, noch zum erlesenen Kreis der Elite der roten Diebe, sondern für jene, die für ihr Geld arbeiten, sei es legal oder mit dem Verschieben von Konterbande oder mit Express-Entführungen. Aber auch andere Personen können Einkünfte im Ausland haben. So z.B., das will ich hier nicht verschweigen, auch ich selber. Wer sich in dieser glücklichen Situation befindet, für den kosten lediglich Produkte der Kategorie 4 in Venezuela etwa so viel wie in Europa. Alles andere ist sehr, sehr viel billiger, bis hin zu 10% und weniger dessen, was man in Europa dafür zahlen müsste. Der Grund dafür liegt darin, dass die, besonders in 2013, galoppierende Inflation des Parallelo der Inflation der Kategorien 1-3 einfach davon gelaufen ist. Um das mal in Zahlen zu veranschaulichen: Nimmt eine Normal-Familie in Deutschland monatlich 4.500€ ein, lebt aber in Venezuela und wechselt monatlich 1.000€ in z.Zt. 93.000 BsF, so kann sie hier in Saus und Braus leben. Das sind 3.100 BsF am Tag, also immerhin 100 BsF mehr, wie Gouverneur Francisco Ameliach, nach eigenen Angaben, seinen Auftragsmördern zahlt. Auch gelegentliche Extra-Ausgaben, wie z.B. ein Krankenhausaufenthalt nach Schussverletzung oder eine luxuriöse Beerdigung, stellen somit kein finanzielles Problem dar. Dabei kann die Familie aber noch 3.500€ monatlich auf die“ Hohe Kante“ legen, für eine bessere Zukunft, für Urlaub vom Chaos, oder falls sie mal selber einige „Sicherheits-Experten“ braucht, die dem eigenen Standpunkt mehr Nachdruck verleihen können, als jeder Anwalt…

Noch sehr viel besser dran ist jedoch der innere Kreis der „Freunde der Revolution“! Die haben zumeist direkten Zugriff auf Dollars und Bolivares in jeder gewünschten Menge, für keine bis geringfügige Gegenleistung. Sie machen die Inflation nur, deren Konsequenzen betreffen andere.

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  1. 1
    hugo

    Besser kann man die zustände in venezuela nicht beschreiben.
    dem ist nur hinzu zu fügen.

    WER SOLL DAS ÄNDERN

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