Haiti: Religion ist ein Grundbedürfniss

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Datum: 28. Januar 2013
Uhrzeit: 07:20 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Wenn einer Arbeit auf dem Bauplatz suchte, kam die verblüffende Frage nach seiner Religion. Was hat denn die mit der Arbeit zu tun? Schon in der Zeit meines Hausbaus in Gresye hatte ich mir eben angewöhnt, gläubige Christen auf den Bauplatz zu engagieren. Das soll nichts aussagen gegen andere Glaubensbekenntnisse, aber da fehlte mir der Zugang. Bei den Christen waren es oft beredte und missionierungssüchtige Extremisten, oft sogar Sektierer, aber sie hatten den Vorteil, keine versteckten Diebe zu sein. „Du sollst nicht stehlen“ wurde honoriert. Damit liegt ein guter Einfluss des Glaubens schon auf der Hand.

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Bei den Anderen, wo keine Religiosität wucherte, war das anders. Da wurde das „Abzweigen“ von Baumaterial, Sand, Bausteinen und allem Möglichen und Unmöglichen, schon von der Quelle an geübt, und dass zu Hause einiges fehlte, war an der Tagesordnung. Du hast ja schon diverse Geschichten in meinen Büchern oder Internet-Kolumnen gelesen.

Mit den Religiösen, welcher Tönung auch immer, habe ich eigentlich stets gute Erfahrungen gemacht. Höchstens dass sie sich für Problemlösungen zu sehr auf „göttliche Eingebung“ verliessen. Mein Boss Anthenon, im Doppeljob Spitalconcierge und Meister („Polier“) meiner Bauequipe, pflegte in diesem Fall zu sagen, „Gott hilft uns schon“. Ich antwortete stets: „Hat er schon getan. Er hat dir nämlich einen Kopf zum Denken gegeben.“

In Glaube bringt Glück habe ich meine Überzeugung dargelegt, dass Glaube an etwas Gutes, sogar ausserhalb von religiösen Ansprüchen, für ein Volk nützlich und nötig ist, und abgesehen von den nichtreligiösen Nutzeffekten – pädagogische, ethische, soziale und andere, – liegt die heutige positive Wirkung einer Religion auf der Hand. Wenn auch im Verlauf der Geschichte schreckliche Entgleisungen passieren mussten, die sind wohl endgültig vorbei und bilden nur noch Diskussionsstoff im Geschichtsunterricht.

Aus Wikipedia zitiere ich wieder einmal Marx, Religion als Opium des Volkes.“Das ist für mich ein klares Jein. Religion ist … ein Grundbedürfnis und … so alt wie die Menschheit. Gründe dafür gibt es viele, in der Hauptsache wohl, um Unerklärliches erklärbar zu machen. Die These von Geld, Besitz, Macht trifft am ehesten wohl auf das Christentum zu, wobei Religion auch oft dazu gebraucht wurde, Macht (weltliche) zu brechen. Wie bringst du das aber in Einklang mit den Religionen des „Kleinen Mannes“, z. B. Santeria oder Vaudou? Mit dem Weg des Buddhismus? Mit dem Glauben der Menschen, die weltweit wohl die grösste Gruppe darstellen, den Animisten und Spiritisten?“ Jein, dem kann ich mich anschliessen. Denn Glücksgefühl, Hoffnung, positive Denke und viele andere Werte würden ohne Religionen dem Volk fern bleiben. Religiosität ist deshalb zweifellos etwas Gutes. Es ist nicht die Art einer Religion, die ich in den Vordergrund stelle. Sondern die Zugehörigkeit zu einer solchen Gruppe an sich, die oft ausufernde kultische Aktivität, der „Heilige Geist“, der den Menschen ins Gehege der Ethik führt. Ohne dies würde er mangels Menschenbildung verwildern.Die Religion ist eine Steigleiter zur Menschenbildung, die zu gebildeten Schichten gehört, in den Volkskulturen aber noch fehlt.

Und wie zur akustischen „Illustration“ klingen vom Lakou gerade schaurig-schöne Töne herauf, ein Klangerlebnis. wie man es anderswo nicht wahrnehmen kann. Die Männer aus der ganzen Gegend scheinen zu einem riesigen „Männerchoral“ und zu unüblicher Stunde zusammengeströmt zu sein, es ist nachts schon bald zwei. Die Stunde, in der Träume und Wirklichkeit so gerne verschmelzen und etwas hinterlassen, was nichts mehr zuzuordnen ist,

Die kräftigen Hymnen der Geistermänner werden von fernwilden Harmonien getragen, ich weiss nicht ob die eher afrikanischen Archetypen oder haïtischer Traumrealität, nächtlichem Zauber oder lokaler Magie, mönchischer Urkultur oder himmlischer Metaphysik zuzuordnen sind. Ungewohnt ist auch die Abwesenheit der sonst immer mittragenden Frauen- und Mädchenstimmen, die Engel scheinen heute frei zu nehmen.

Keine zwei Stunden später, die Geisterstimmen sind verduftet, geistert eine andere, hölzerne und wacklige Figur durch das verschlafene Bergnest. Diesmal ist es der „Nachtwächter“, der ebenfalls von einer christlichen Talkirche gesponsert und mit einem Megaphon ausgestattet wird. Er singt wohl 400jährige französische Soldatenweisen über die Schlucht, sodass das Echo an den Wänden fibriert. Von seinem Text verstehe ich nur, dass Gott gelobt und für die ohne Tod und Schrecken überstandene Nacht gedankt wird. Es sei jetzt Zeit aufzustehen, zu beten und zu danken und den Tag nicht zu verschlafen, einst wohl eine Art Tagwach-Gesang bei einer Besetzungs-Armee. Dass die UNO-Besatzer Tagwache singen, habe ich noch nie erlebt.

Nochmals zwei Stunden später da klingen aus den Peristylen ganz leise und fein die Handtrommeln der Houngan, man hörte sie die ganze Nacht über. Ihre Wellblechkirchen hinter dem Haus sind wohl vollgestopft mit andern Gläubigen, mit Vaudouisants. Sie spielen auch am Tag weiter, aber dann geht ihr kaum hörbarer Klang im Tagesgeräusch unter, und das ist eher ein Gesumm. Die Klänge der Götter sinken ins Rauschen des Tages.

Aber schon wieder trällert es überraschend aus einem Radio. Ein Sprecher leiert während Stunden nonstop Telefonnummern aus dem Lautsprecher, es sind deren Tausende. So schnell, dass sie wohl niemand versteht, ich jedenfalls nicht. Aber ich gehöre ja auch nicht zur Zielgruppe. Es sind offenbar ausgeloste Nummern. Von der Kirche, die diesen Radiosender betreibt. Vielleicht ausgelost, wer in einer riesigen Schlange anstehen darf, um einen Laib Brot zu erhalten. Oder überleben zu dürfen.

Und so traurig das ist, so ähnlich geht das weiter. Ich versuche bekanntlich immer die lustige Seite zu finden. Auch die nächsten Geräuschdispenser sind Radiosender. Jeder versteht die Melodien der Fussballreporter. Sie sind auf der ganzen Welt gleich. Sprache ist nicht mehr zum Verstehen da. Ein Fussballmatch ist ein Fussballmatch, und Barcelona ist Barcelona. Dass das auch eine Stadt ist und wo die liegt, ist völlig egal.

Ähnlich mit der Sprache der Verkäufer und ihrer Potenzierung, der modernen Sprache der Megaphone. Jeder Verkäufer hat seine Kennmelodie, die meist aus nur wenigen Tönen besteht. DIE muss man kennen, wenn sie hundertfach gesungen oder geschrien wird, Wasser, Tabletten, Schule oder Gott. Manchmal scherbeln sogar Predigten von Pfarrern aus Megaphonen über Land, mit oder ohne Melodik. Ist ebenfalls völlig egal. Was mich betrifft, brauche ich keine Kenntöne für Gott. Aber gegenüber Anderen, da ziemt sich Toleranz, denn sie schaden ja kaum.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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