Tourismus – ein zweischneidiges Schwert

Hispaniola

Datum: 13. März 2010
Uhrzeit: 21:02 Uhr
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Autor: Redaktion
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Die Ähnlichkeit der beiden Inselhälften Hispaniolas sind ein Trost und eine Hoffnung. Dann könnte ja auch aus dieser Hälfte noch mal was werden. Das „WAS“ ist allerdings zweischneidig.

Erb- und Naturgrundlagen der eineiigen Zwillinge sind tatsächlich identisch und schuld, dass sich diese so ähnlich sind. Vor über 500 Jahren haben dann unsere weißen Vorfahren eingegriffen, und zwar gründlich. Wegen der Ausbeutereien vor allem durch die Spanier und Franzosen verzweigte sich die Geschichte in völlig andere Richtungen, in zwei Hautfarben, zwei Kulturen, zwei Sprachen, zwei Staaten, zwei Schicksale, zweierlei von allem.

Die auffallendsten Ähnlichkeiten sind die des Wetters und des Klimas, mit seiner Sonne und blauem Himmel, mit seinen Zerstörungen und Katastrophen. Ich sage ja immer, Menschen seien wie das Klima, also müssen auch Ähnlichkeiten in ihrem Wesen bestehen: warm und hitzig, aufbrausend und sich rasch wieder besänftigend, wie ein Tropengewitter. Trotzdem sind die „Roten“, wie man in Haiti die kaffeebraunen Domis nennt, von ganz anderem Wesen als die Schwarzen. Nur von weitem ähnlich, wie die Landschaft.

Die Landschaft, die war zwar ähnlich, in der Vergangenheit. Und heute noch von weitem. Aus der Nähe sieht man, dass die westliche Inselrepublik eine totale Rodungs- und dann Erosionslandschaft geworden ist. Deshalb auch noch häufiger von Tod und Verwüstung heimgesucht als der Osten. Die Pflanzenwelt war einmal dieselbe, ist aber in ihrer ursprünglichen Form nur noch in den zahlreichen dominikanischen Nationalparks zu bewundern.

Dasselbe gilt für die Tierwelt, die in der Westrepublik stark dezimiert und in Natur nur noch schwer aufzuspüren ist. Besonders Reptilien, Vögel und einige Kleinsäuger sind interessant. Löwen, Tiger und Affen gibt es in beiden Staaten nur auf zahlreichen Gemälden, aber in den Mònes ( Bergen ) kann man noch etwa verwilderten Stieren, Pferden oder Schweinen begegnen, Faunenrelikten der Kolonisatoren.

Ähnlich sind die Bildergalerien an den Straßen, besonders um die Hotels. Auch von weitem, denn von Nahem entdeckt man, dass der Stil der Maler, und auch anderer Kunsthandwerker, in jedem Land, ja in jeder Gegend durchaus eigenwillig ist.

Dasselbe gilt für Musik, Gesang und Tanz. Haitianische wie dominikanische Klangwelten haben es zu weltweiter Berühmtheit gebracht, haben aber ihre unverwechselbaren eigenen Stile entwickelt. Gespielt und gesungen wird auf der Bühne und bei der Arbeit, auf dem Taptap und in der Arche. Und grazil getänzelt wird hüben und drüben ohne dass die es wollen und merken, die lebensfrohen Jungen vor allem.

Kultur und Brauchtum unterscheiden sich trotzdem von Land zu Land, und sogar von Ort zu Ort, das ist auch auf der Insel nicht anders.

Wohl in keinem tropischen Land dieser Erde grassieren die Kontraste derart wie auf der Insel. Kontraste zwischen Reich und Arm, zwischen Palästen und Wellblechhütten, zwischen Parkanlagen und Schuttablagen, zwischen gepflegt und vergammelt. Seit 2004 die Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen (MINUSTAH) dort aktiv ist, haben sich die Kontraste gemildert. Haiti ist „normaler“, die Inselhälften sind sich ähnlicher geworden.

Ähnlich sind die Gänsefüßchen, zwischen die man die „Straßen“ setzen muss. Bevor die Blauhelme kamen, gab es im Westland überhaupt kaum welche; heute sind die durchlöcherten Pisten im Begriff, sich auf Nebenachsen zu beschränken, die „Hauptstraßen“ beider Länder beginnen sich zu ähneln. Ähnlich auch, dass in beiden Ländern beim Durchlöchern kräftig mitgeholfen wird, damit man wieder etwas hat zum Reparieren und Geld. Das ist Betteln mit einer scheinbaren Gegenleistung.

Auch Betteln ohne Gegenleistung kommt vor. Das kann zu einer Plage werden. Aber nur in der Stadt, wo viele Menschen sind und man „verdorben“ ist, oder in der Nähe von Touristenzielen. In der Provinz, wo die „Unverdorbenen“ leben, wird man niemals angebettelt. Die sind zu stolz und betteln nie.

Noch immer ist Haiti eines der mystischsten und unentdecktesten Länder der Welt, ein Land von atemberaubender Schönheit, das sich jetzt langsam der modernen Welt öffnet. Doch die erhoffte Entwicklung ist ein zweischneidiges Schwert. Beispiel Tourismus, Dominikanische Republik. Durch den Zustrom von Fremden entstand eine grundlegende wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderung. Die Dominikanische Republik wird von drei Millionen Menschen jährlich überflutet, die 10 Tage bleiben und jeden Tag 107 US$ ausgeben. Es entstanden viele neue Millionäre, Arbeitsmöglichkeiten, und auch Finanzierung von Projekten der Umwelterhaltung – die Touristen wollen ja eine perfekte Umwelt. Aber es entstanden auch Anlagen für den Massentourismus, die nicht in das Landschaftsbild passen wollen. Natur- und Kulturlandschaften wurden durch touristische Infrastrukturen ästhetisch verseucht.

Der Anstieg des Tourismus hatte Folgen, gravierende Folgen für Bevölkerung, Natur und Kultur. Tourismus entstand meist in abgelegenen bislang durch Landwirtschaft und Fischerei genutzten Regionen. Dadurch kam ein plötzlicher Wandel von einer Agrar- zu einer Dienstleistungsgesellschaft zustande. Die Folge war eine Verschiebung von traditionellen Strukturen, zum Beispiel Macht- und Besitzverhältnisse oder Geschlechterrollen. Der Kontakt zwischen Einheimischen und Touristen führte bei der einheimischen Bevölkerung zu geänderten Konsummustern und Werthaltungen.

Kulturelle Traditionen wurden zur Show und Inszenierung für Touristen degradiert. Das „Fremde“ wurde den Wünschen der Gäste und den Vorgaben der Reiseveranstalter angepasst und damit zur Kulisse. Tourismus wurde zur Monokultur, dem sich ganze Landstriche aus Profitgründen unterordneten. Touristen reisen in so beworbene „exotische Paradiese“ und tragen dadurch noch dazu bei, dass die kulturellen Eigenheiten zurückgedrängt werden. Das ist ein Teufelskreis. Denn die Touristen spüren, dass die traditionelle Gastfreundschaft der Einheimischen pragmatischem Geschäftssinn gewichen ist. Sie beklagen sich über „Touristenfallen“ und den Verlust der Ursprünglichkeit des Reiseziels.

Ganz zu schweigen von den Schäden an Umwelt und Natur: Luftverschmutzung durch emissionsintensive Verkehrsmittel wie Busse und Flugzeuge, Belastungen durch das Öl von Sportbooten und Sonnenschutzmittel Badender, Lärmbelastung durch motorisierte Wassersportmittel, Schädigung von Wasserbiotopen durch Segler, Surfer und Taucher, Müllentsorgung und Infrastrukturen, Energieprobleme durch Klimaanlagen, Energie- und Wasserverschwendung durch Swimmingpools und Golfanlagen, ein Absinken des Grundwasserspiegels mit all seinen Konsequenzen für Trinkwasserversorgung und Landwirtschaft, die Beeinträchtigung von Naturräumen, Biotopen und Ökosystemen, und damit der Lebensgrundlage von Tieren und Pflanzen.

Das United Nations Environment Program postuliert für den Tourismus

  • Freundschaften zwischen Fremden und der örtlichen Bevölkerung durch Unterbringung von Touristen auch abseits von Hotels
  • Für Küstenorte müssen Höchstraten für den Touristenstrom festgesetzt werden, z.B. höchstens 600 Menschen pro Hektar Strand
  • Es sollen Vermittler ausgebildet werden, die geeignet sind, wechselseitiges Verständnis zu wecken
  • Es muss ein Tourismuskodex entwickelt werden, den beide Seiten anerkennen
  • Der Fremdenverkehr soll sich von den überfüllten Küsten weg zu Gegenden hin entwickeln, die dünn besiedelt sind
  • In den Fremdenverkehrsregionen müssen Naturreservate geschaffen werden

Es stellt sich die Frage: ist Haiti-Tourismus wünschbar? Immer noch ist Haiti ein Land von atemberaubender Schönheit. Die Chancen, das Land zum Tourismusziel zu entwickeln, sind noch intakt. In einem solchen Fall bestünde auch die Ähnlichkeit in der Gefährdung wie auf der anderen Inselhälfte.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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