Argentinien: Missbrauch von Agrochemikalien verursacht zunehmend gesundheitliche Probleme

Datum: 23. Oktober 2013
Uhrzeit: 10:49 Uhr
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Der anhaltende Soja-Boom hat die Nutzpflanze aus der Familie der Hülsenfrüchtler zum wichtigsten Exportprodukt von Argentinien gemacht. Anbau, Ernte und Export stehen allerdings im direkten Zusammenhang mit der Verwendung von gentechnisch verändertem Saatgut. Falsche Anwendung von Herbiziden und Pestiziden führt zunehmend zu schweren Konsequenzen in einigen Sektoren der Landwirtschaft.

Nach amtlichen statistischen Daten produzierte Südamerika im Jahr 2012 rund 51,8 % der globalen Sojabohnenernte. Umweltschützer kritisieren dabei seit Jahren, dass in Argentinien und Brasilien große Flächen Regenwald abgeholzt werden, um die Anbauflächen für Soja zu vergrößern. Der Anbau transgener Sojabohnen ist dabei in vielen Ländern Südamerikas stark verbreitet.

In verschiedenen argentinischen Provinzen sind Dutzende von Fällen registriert, in denen in der Landwirtschaft giftige Stoffe verwendet werden. Dies geschieht des öfteren in einer Weise, die in keinstem Fall den Vorschriften entspricht und sogar per Gesetz verboten wurde. Aufgrund fehlender staatlicher Kontrolle trägt der Wind die Giftstoffe in Schulen und Heime, Trinkwasserquellen werden kontaminiert.

Jetzt warnten Ärzte davor, dass der unkontrollierte Einsatz von Pestiziden die Ursache für die zunehmenden gesundheitlichen Probleme von 12 Millionen Menschen in den großen landwirtschaftlichen Regionen Argentiniens sind. In Santa Fe liegen die Krebsraten zwei-bis viermal höher als auf nationaler Ebene. Im Chaco haben sich Geburtsfehler/Missbildungen von Säuglingen vervierfacht.

„Die Veränderung in der Art, wie wir produzieren, hat das Profil von Krankheiten verändert“, erklärt Medardo Avila Vasquez, Kinderarzt und Mitbegründer von Ärzte gegen den Pestizideinsatz (Médicos de Pueblos Fumigados). „Wir haben nun eine Bevölkerung mit hohen Raten von Krebs und Kinder, die mit Missbildungen geboren wurden. Noch vor Jahren waren diese Krankheiten in der Region sehr selten“, fügt er hinzu.

Die argentinische Nation war einst für ihre „Grünfutterbasis“ bekannt und wandelte ihre landwirtschaftliche Produktion seit 1996 um. Unter anderem hatte der Saatgut produzierende Konzern Monsanto die Regierung davon überzeugt, dass sein patentiertes Saatgut und Chemikalien zu einer Verringerung des Einsatzes von Pestiziden beitragen können. Heute ist fast die ganze Produktion von Mais, Baumwolle und Sojabohnen ein „gentechnisches“ Ergebnis. Die Soja-Anbaugebiete verdreifachten sich und breiten sich inzwischen auf 19 Millionen Hektar Landfläche aus.

Der Einsatz von Pestiziden sank allerdings nur in den ersten Jahren, erholte sich und hat sich aktuell auf das Neunfache erhöht. Von 34 Millionen Liter des Jahres 1990 stieg der Verbrauch auf fast 317 Millionen an. Der hauptsächliche Grund für diesen enormen Anstieg ist eine Erhöhung der Ernte auf bis zu drei pro Jahr und eine wachsende Insektizidresistenz der Schädlinge.

Argentinische Bauern bringen nach Schätzungen der Pestizid-Industrie 4,3 Kilo Chemikalien pro Hektar aus und damit mehr als das Doppelte, was die US-Amerikaner verwenden. Monsanto weist darauf hin, dass der Konzern den Einsatz seiner Produkte sehr ernst nimmt und regelmäßig mit seinen Kunden über die ordnungsgemäße Verwendung kommuniziert. Experten bemängeln allerdings, dass die Anwendung der Sicherheits-Standards in der argentinischen Landwirtschaft stark variieren. Schuld daran sind die lokalen Regierungen. Während das Sprühen in einigen Provinzen innerhalb von zwei Kilometern vor besiedelten Gebieten verboten ist, muss in anderen Regionen nur ein Abstand von 50 Metern gewährleistet sein. Ein Drittel der lokalen Behörden setzt für den Einsatz des Giftes überhaupt keine Grenze.

Als Reaktion auf zahlreiche Beschwerden hatte Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner im Jahr 2009 eine Kommission gebildet, die die Praxis beim Versprühen von Agrochemikalien gründlich untersuchen sollte. Die Kommission hatte in ihrem Fortschrittsbericht im September dieses Jahres auf die Notwendigkeit hingewiesen, systematische Kontrollen in Bezug auf die Konzentrationen beim Einsatz von Herbiziden durchzuführen und anzuwenden. Ein nationales Gesetz verlangt zudem, dass diejenigen, die gesundheitsgefährdende Chemikalien verwenden, „wirksame Maßnahmen zur Verhinderung von Umweltschäden unabhängig von Kosten oder Konsequenzen“ anwenden. Allerdings wurde dieses Gesetz nie in der Landwirtschaft angewendet. Regierungsbeamte bestehen darauf, dass das Problem einer schlechten Information innerhalb der Bevölkerung geschuldet ist.

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