Unglaubliche Zustände in Haiti: Was die Medien und die Regierung verschweigen

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Datum: 25. November 2010
Uhrzeit: 23:33 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Jetzt wütet die Seuche auch im Lager Place Boyer in Pétion-Ville. Dort wurde eine neunköpfige Familie von der Cholera befallen. Auch die Bergburg, wie ich meinen Unterschlupf  in Montagnes Noires nenne, gehört zu Pétion-Ville und ist nicht mehr weit, von Place Boyer, Pétion-Ville und der Cholera. Aber keine Angst, wir waschen uns. Bis die Zeiten wieder besser sind fast nur noch, den ganzen Tag. Wuschen, muss man sagen. Denn vor zwei Tagen haben sie die Leitungen gekappt, weil sogar die Behörden Angst vor vergiftetem Wasser haben, und jetzt gibt es gar keines mehr. Kein Brot und kein Wasser.

Musterfall, Fall der Familie Dieupuissant. Verstehen Sie, dass ich den Namen verändert habe. Der Fall zeigt die himmelschreienden Hygienebedingungen auch in den Lagern von Pétion-Ville, den Schlendrian der behördlichen Informationen und Maßnahmen, die Verantwortungsblöße den verseuchten Zonen gegenüber – unmittelbar neben dem Lager Place Boyer steht eine große Schule, in der bis zur Schließung vor einigen Tagen auch Mitou aus unserer Familie zur Schule ging, und den buchstäblichen Zusammenfall einer ganzen Familie mit neun Mitgliedern.

Küchengeräte liegen wirr in einem großen Flechtkorb, am Fuße der Matratze eine leere Wassergallone, die Liege ist verschmiert mit einer vertrockneten Brühe, die am ehesten Erbrochenem gleicht. Die Luft ist kaum zu schnaufen, Fliegen brummen um eine Plane die in der Ecke liegt und etwa 10 qm misst. Ein „Zelt“ am Rand des Trottoirs von Place Boyer in Pétion-Ville. Hier lebt seit dem Januar Dieupuissant mit seiner Frau und 7 Kindern, das jüngste kaum 1 Monat alt.

Jetzt steht das Zelt leer und verlassen, denn die ganze Familie ist an Cholera erkrankt und wurde ins Spital evakuiert, schlimmer kann es ja nicht mehr sein. Im Lager von Place Boyer leben weitere 4.000 Obdachlose unter ähnlichen Umständen, schon seit dem 12.Januar, und alles wurde immer schlimmer. Es ist absehbar, dass die alle auch der Seuche in den Schoss fallen, die Spitäler sind schon längst überfüllt.

Zwei Schritte weiter lebt die Nachbarin, Henricia Catile. Sie hat sich der vier übrigbleibenden Kinder angenommen, nachdem die drei ersten mitsamt ihren Eltern fortgebracht worden waren. Sie waren totenblass, die Augen gläsern, die Lippen weiß, hatten Durchfall, übergaben sich ständig, wanden sich und schrien vor Schmerzen. Am nächsten Tag wurden auch noch die vier übrigen geholt. Henricia attestiert Pierre France, dem Lagerleiter und Hygieneverantwortlichen, einen außerordentlichen Einsatz, dessen Pflichteifer das Leben der Kinder zweifellos gerettet hatte.

„Wir hatten keine Wahl. Wir transportierten die Familie Dieupuissa mit einem Taptap ins nahe Spital, ohne Handschuhe, ohne Gesichtsmasken, nachdem die auf 9 Uhr versprochene Ambulanz bis 13 Uhr noch nicht gekommen war“. Als dann der Krankenwagen endlich eintraf und die Patienten schon abgefahren waren, erklärte der Fahrer, sie kämen nicht mehr nach mit der Arbeit. Jedermann verstand die Umstände, und niemand reklamierte. Deshalb ist auch die Desinfektionsequipe noch nicht gekommen, um die Umgebung der verseuchten Zeltstätte zu inspizieren und zu entkeimen. So hat M. Pierre France diese Arbeit selbst übernommen, um eine weitere Ausbreitung der Krankheit in diesem Lager zu verhindern. Es waren keine Anzeichen von Panik zu erkennen, die Insassen sangen und beteten.

Pierre France zeigte sich seit 2 Wochen beunruhigt über die hygienischen Verhältnisse, den Zugang zu Wasser, zu Toiletten und zu Waschgelegenheiten. Das letztemal sei ein Wassercamion am 21.November gekommen, und das Wasser sei nicht chloriert gewesen. Die zuständige Internationale Organisation für Migration (OIM) hat die Lieferung von Chlor versprochen, die ist aber immer noch nicht angekommen. Auch ein versprochenes Lagerreservoir aus Plastik lässt auf sich warten.

Für die Notdurft ist es noch schlimmer. Die nächste Latrine befindet sich kaum 50 Meter von Dieupuissants Zelt entfernt, und als Pierre die Türe öffnet, brummt eine Wolke von Fliegen davon. Die letzte Leerung sei am 8.November um 9.50 Uhr erfolgt, also vor bald einem Monat. Die Toiletten laufen über, und als unverbesserlicher Optimist glaubt Pierre, eine Leerung und Reinigung würde das Problem lösen. Am Samstag sei endlich eine Equipe von Rite Clean, einem Reinigungsunternehmen, gekommen, aber die mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen, weil die Lagerinsassen die Klos als Abfalleimer missbraucht hatten.

StepMap-Karte StepMap

Eine Reinigung kommt nur noch von Hand in Frage, aber das kostet mehr, und das Budget ist nicht dafür berechnet. Also bleibt es weiter so wie es ist. Zumal da die Hilfsorganisationen allesamt über weniger Geld verfügen als unmittelbar nach dem Erdbeben, und die meisten Leistungen nicht mehr garantieren können. So ist es die Direktion des Zivilschutzes, die sich dieses Problems annehmen muss. Die arbeiten nicht an Sonn- und Feiertagen. Das Problem muss zuerst an Sitzungen und Konferenzen erörtert werden, und das Gesundheitsministerium verfügt noch über keine Angaben. Die Vorfälle am Place Boyer werden als Einzelfälle herunter geredet, und die Cholera verbreitet sich weiter.

Die Desinfektion mit Chlor ist vordringlich. Da kann man nicht zuerst das Ende des Sonntags, Ergebnisse von Sitzungen und neue Budgets abwarten, denn da sterben Menschen.

Es wird nur noch Unmögliches erzählt, von den Menschen, und von den Medien. Alles ist punktuell, und alles ist möglich, oder nichts. Man weiß nicht mehr, was man glauben soll, verallgemeinern soll man ohnehin nicht. Und doch tut das jeder. Die Wirklichkeit ist anders, NOCH schlimmer. Wir wollten in diesen Tagen nach Jacmel und Marigor, nachsehen, was läuft, oder eben nicht läuft. In Marigor war gestern eine Massenkundgebung für den Vielleicht-Präsidenten Célestin, mit tausenden Menschen. Ich musste mich mit Fern – sehen begnügen. Wir wollten auch nach Montcel hinauf. Alles geht nicht. Man rät uns dringend, „daheim“ zu bleiben. Ohne Brot, aber es gibt ja Eier, Reis und anderes. Die Straßen seien blockiert. Und unten bei der Brücke, dem Wendeplatz für Autos, steht seit ein paar Tagen eine Ambulanz. Das schürt natürlich noch mehr Panik, denn das sieht man von weitem. Und Panik versucht man zu vermeiden, mit allen Mitteln. Also die Ambulanz stehe nur zum Reparieren da. Auch das kann stimmen. Also beschränken sich die meisten aufs Beten und singen. Das ist bestimmt auch das Gescheiteste. Und wir bleiben „zuhause“. Bis die Zeiten wieder besser sind.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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