Lage und Lösung für Haiti

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Datum: 18. Januar 2013
Uhrzeit: 11:27 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

In diesen Tagen und drei Jahre nach dem Desaster in Haiti sind die Blätter voller Lageberichte und Lösungs-Vorurteile (schon Einstein soll herausgefunden haben, dass die Spaltung eines Atoms leichter sei als die eines Vorurteils). Im Prinzip seid ihr besser informiert dort drüben. Hier ist die Unmenge an Information oft schwer erhältlich und benötigt viel Geduld, elektronische Geduld. Tagelange Serverausfälle sind durchaus an der Tagesordnung.

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Die Orientierung vor Ort ist fast unmöglich geworden – allerdings auch für die Journalisten. Das Verkehrschaos ist unvorstellbar, trotz der neu gebauten Hauptstrassen benötigt man oft Stunden, um mit Glück von A nach B zu kommen. Was man aber vor allem benötigt, ist ein Auto, und ich habe leider keines mehr. Und möchte auch nicht gern zu den Spendenluchsen zählen, nachdem wir uns an so schönen Erfolgen freuen können. Aber da oben auf dem Berg ist es schon schwierig, wenn man für jede Kleinigkeit ein Moto-Taxi bemühen muss.

So wie unsere Lehrerinnen das erste Jahr gratis frönen mussten, so habe ich mich entschieden, auf meine AHV zu Gunsten der ESMONO-Schule mindestens zwei Jahre lang zu verzichten und es mal ohne zu versuchen. Loa (oder wem auch immer) sei Dank fliessen ja die Leser- und Freundesspenden über Erwarten und zeigen, dass wir es richtig gemacht haben.

Augenscheine beschränken sich auf die Berggegend von Lakou-mango hoch über der Stadt. Dieses Randquartier der Grossstadt hat zwar noch sehr viel altes und originelles Brauchtum behalten und ist noch weit entfernt von städtischer, musealer, touristischer oder neuzeitlicher Verschandelung, aber umgekehrt ist es wohl auch nicht typisch für haïtianische Kultur, es ist nur ein Stück davon.

„Auswärtige Augenscheine“ liegen deshalb kaum mehr drin, höchstens beim Durchfahren wie zur Geburtstagsfeier des 80. darf ich einiges feststellen, was mich aufstellt. Ausserdem wiegt wohl meine lebenslange Reiseerfahrung in Entwicklungsländern und meine 30-jährige Haïti-Erfahrung (10 Ferien- und 20 Wohnsitzjahre) und meine Ausbildung, vor allem diejenige als Geograph. Meine Kontakte zu den Menschen um mich gewährleisten eine gewisse soziale Tiefe, die durch die Erfahrungsberichte meiner „volksnahen Umwelt“ verstärkt wird. In Gresye litt ich unter der englisch- und französischsprachigen Umgebung von Ingenieuren und anderen Gebildeten, die mir das Kréol als Fremdsprache noch erschwerte.

Die Welt von Lakou-mango scheint stets etwas heil. Wahrscheinlich sind ähnliche, schwer zugängliche Orte allgemein aber unzählbar, bleiben den üblichen Schreibern verschlossen. Hier hat sich Positives vielleicht mehr als anderswo erhalten, wie die religiös-magischen Vaudou-Trommelkonzerte, die Riten der 400 Götter und Geister im Hinterhof, die seltsamen Gesänge des Nachtwächters, die eindrücklichen exotischen Sprechchöre der Beschwörenden und Betenden, die ausgeprägte Musik- und Singkultur, ständig klingt etwas. Negatives hat sich noch kaum eingeschlichen, etwa die Absenz von Verbrechen und Prostitution, Entführungen kommen nicht vor und die Haustüren stehen weitgehend offen (zu meinem grossen Schrecken haben kompetente Literaten geschrieben, Verbrechen und Prostitution hätten sich zu einem MUSS entwickelt, für viele die einzige Möglichkeit zu überleben. Vielleicht unten in der Grossstadt, aber wo ICH lebe, jedenfalls mitnichten.) Haïti ist ein gigantisches Mosaik mit Millionen leuchtender Farben, aber wahrscheinlich sind Tagesfliegen weitgehend farbenblind.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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