Haiti ist die Drogerie der Welt – Ein Garten für Heiler und Giftmischer

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Datum: 20. Oktober 2009
Uhrzeit: 13:37 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

mapou-8Nach altem Glauben der Indianer wohnen Götter in den Bäumen, im Voudou-Land „Loas“ geheißen. Welch ein merkwürdiger Zufall, dass „loa“, französisch ausgesprochen und „loi“ geschrieben, „Regel“ und Gesetz“ bedeutet und in der christlichen Religion als Naturgesetz eine Rolle spielt. Wenn nach Voudou-Glauben ein Baum stirbt, verschwindet der Loa mit ihm, es sei denn man pflanzt einen neuen Baum, damit der Loa weiterhin hier wohnen kann. Ich finde dieses einen schönen und sinnvollen Glauben, denn so sterben die Bäume nie aus.

Aber Andersgläubige wussten und wissen es besser, immer noch. Sie lachten über die Voudou-Religion, gehorchten den Loas nicht und übten keinen Baumersatz. Die Sprüche anderer Religionen versprachen mehr Gewinn und fanden deshalb mehr Gehör, „Macht euch die Erde Untertan“. Aus den einst reichsten tropischen Regenwäldern der Karibik wurde innert Jahrzehnten mickerige Sekundärvegetation, und heute werden die kostbaren Edelhölzer aus Brasilien importiert, wo sich das Trauerspiel wiederholt. Die nachsprießende Macchie Vegetation wird durch die Köhlerei weiter ausgebeutet, und die Erosion besorgt den Rest. Oben schwemmt sie die letzten Erdreste zu Tal, bis die Bergbauern nichts mehr anbauen können und ihre Kinder verhungern wie 2008 ( Kinder verhungern ), unten tötet sie Tausende, zerstört Städte und Straßen wie 2004 und jedes Jahr ( Gonaïves 2004 ). „Debwazman“ ist deshalb eines der wichtigsten kreolischen Worte, denn „Debwazman“ bedeutet „Kahlschlag“. Das Wort trifft das Hauptproblem des haitianischen Landes, seit 200 Jahren, aber zunehmend wie ein Buschbrand und nicht zu stoppen.

Heute beschäftigen sich hunderte von Agronomen und die ganze Weltgemeinschaft mit dem Problem, Wüste und Tod lauern hinter jedem Wirbelsturm. Ein gigantischer Riesenbaum ist manchmal übriggeblieben und steht unerschüttert im Abend licht. Es ist der „Mapou“. Seine langen Brettwurzeln werden mehrere Meter mächtig, und seine gewaltige Krone bildet einen eigenen Kosmos mit unzähligen Tieren und Epiphyten, die hier wohnen. Besonders In den Straßenlosen Bergen ist ihm kaum beizukommen. Aber auch unten vor unserem Haus musste ich erleben, wie in jahrelanger Sisyphusarbeit mit der Axt einer herunter gemurkst wurde, Stück um Stück, bis er nach Jahren endlich erledigt war.

Der Mapou ist mythischer Baum, von Göttern, Geistern und Unwesen bevölkert, und er bildet einen Ort des Kultes, des Zaubers und der Magie. Zwischen seinen Brettwurzeln haben seit Jahrhunderten geheime Ratsversammlungen und Gerichte, Opferzeremonien und Kulthandlungen stattgefunden, und um seine Wesenheit drehen sich Fabeln und Geschichten, Sagen und Sprichwörter – er ist die Weisheit selbst, und spendet auch Weisheit und Gesundheit rundum.

In seinem Schatten findet man auch abgebrannte Kerzen, Vèvè ( Streubilder der Götter ) von Mais und Reis, und andere Opferreste. Man sagt „Pa bwè dlo a; si ou bwè l, ou a vin kouwè li“ ( Trink niemals sein Wasser, sonst wirst du so gross wie er ). Und man sagt auch „Ti mapou pa grandi anba gwo mapou“ ( Ein kleiner Mapou wächst nicht unter einem grossen ). Mapou ist nicht nur ein großer Baum, der größte des Landes, sondern auch ein großer Name: denn dieser ist überall im Lande gültig, nicht so wie bei anderen Bäumen, die nur regionale Namen haben. Der Mapou hat beides. Die Leute aus dem Dorf nennen ihn «Papa Loko», «Ogu» oder einfach «Papa». Andernorts heißt er „Bombax“, „Fromager“, „Kapokier“ und auch anders. Pflanzen in Haiti haben allgemein keinen gemeinsamen Namen, sondern heißen je nach Gegend anders.

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Die „Mouri-leve“ ( Stirb und Wiederaufersteh ) zum Beispiel heißt woanders „Féy wont“ ( Schamblatt ), im Norden gar „Ti fi men ti gason, fémen janm a ou“ ) Junges Mädchen, achtung hier ist ein Junge, schließ Deine Beine – ein Satz als Name, und zugleich die Belehrung, sich nicht unter den Rock schauen zu lassen ). Denn die belehrende Blume hat die Eigenart, ihre Blütenblätter zusammenzufalten sobald man sie anhaucht. In Haiti kennt man Zombies, Voodoo-Priester (Houngans), Schwarzmagier (Bokors) und Priesterinnen (Mambos), die Menschen mit einem Fluch belegen, worauf diese einen Scheintod erleiden, also scheinbar sterben. Tage später werden die Toten wieder zum Leben erweckt und dann als Arbeitssklaven verkauft. „Zombie cadavres“ sind absolut willenlos. Mit im Mörser gepulverten Giftpflanzen wird das Opfer in einen hirntodähnlichen Zustand versetzt.

Der Zauberer bläst das Pulver, vermischt mit Juckpulver, auf die Haut des Opfers, die dann das Gift beim Kratzen durch kleine Wunden aufnimmt. Schnell ruft es krankheitsähnliche Symptome hervor, an denen das Opfer den Scheintod „stirbt“. Im Glauben, dass dieser Mensch tot sei, wird er lebendig eingesargt und begraben. Nach einer bestimmten Zeit taucht der Zauberer am Grab wieder auf, natürlich um Mitternacht, exhumiert sein Opfer und verabreicht ihm Gegenmittel. Dies sind starke Gifte, so Atropin und Hyoscyamin, die dem Betroffenen beim Aufwachen Sinne und Bewusstsein rauben. Das Opfer wird begleitend zur Verabreichung der Gifte von den Gehilfen des Zauberers verprügelt und durch andere Schauermethoden von seiner neuen Rolle als Zombie überzeugt.

Der Zombie ist nun seinem neuen Herrn hörig und ab sofort durch Gewalt und Einschüchterung zur Verrichtung von Schwerstarbeit und unseriösen Diensten bereit. Zombies werden als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft in weit entlegene Gebiete der Insel verkauft, wo sie unter menschenunwürdigen Bedingungen gehalten werden. Die psychiatrischen Kliniken sind voll von solchen Wesen, und es kann ihnen kaum mehr geholfen werden. Man sagt, die magisch stärkste Pflanze sei die „Twa fèy, twa pawò“ (Drei Blätter, drei Worte), die sogar im Volkslied besungen wird. Zu gewissen Zeiten kann man sich an sie wenden, sie ist imstande, alle Probleme zu lösen.

Das scheint mir eine hilfreiche Pflanze. Ich frage mich allerdings, ob die Hungerleidenden und die Armen nur über den richtigen Zeitpunkt falsch beraten waren. Der Titel dieser Kolumne ist keineswegs eine Anspielung auf Haitis Rolle als Drogen-Umschlagplatz, sondern bezieht sich auf die „Raje“, die nichts mit Drogen zu tun haben. Als „Raje“ bezeichnet der Kreole Wildkräuter von Wald und Wegrand, die gesucht und gepflückt, aber nicht kultiviert werden. Es befinden sich darunter Gift- und Heilpflanzen von großer Wirksamkeit, aber auch Leckerbissen für die Küche, Aroma-, Geruchs- und Duftstoffe. Es gibt Pflanzen mit reinigender Wirkung oder solche die Seifen oder leuchtende Farben erzeugen. Herrliche Schminken und Parfums werden Hand- und hausgemacht. Für die einheimischen Kräuterkünstler scheint nichts unmöglich zu sein, und wie aus Film und Literatur bekannt, forschen in der „Drogerie Haiti“ selbst Industrien, Universitäten und Biochemiker nach noch unbekannten Giften und Wirkstoffen, vielleicht auch nach chemischen Talenten.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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