Vertrauen ist ein zartes Pflänzchen

Strasse-MontagnesNoires

Datum: 22. Mai 2010
Uhrzeit: 09:19 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Es war etwa 1960, als ich in der Sahara in ein Beduinenzelt eingeladen war. Das geschah regelmäßig, und der Ablauf war immer gleich. Man zog die Schuhe aus und stellte sie draußen ab, die Zelte waren mit schönen Teppichen geschmückt, sauber und aufgeräumt. Nach der Teezeremonie wurde ein Huhn geschlachtet, oft das einzige das eine arme Familie besaß, auch die schenkten dem Fremden alles. So wie es Kolumbus von den haitianischen Ur-Indianern beschrieb. Die Gastfreundschaft kannte keine Grenzen, bei den Ärmsten am wenigsten. Und wenn man in der Runde Märchen und Geschichten erzählte, so ließ man zuerst die Eingeborenen sprechen und hörte hin, und brachte die eigenen erst nach Aufforderung.

Umgang mit Eingeborenen erfordert viel Takt. Die einen Menschen gebärden sich wie Tiere, die anderen spielen den Unterschied hoch zwischen beiden. Dass Hirsche Geweihe tragen und im Dreck scharren statt Sinfonien zu spielen und Himmelskörper zu bereisen weiß ich natürlich auch. Geweihe sind noch nicht „die Krone der Schöpfung“, aber wir auch nicht. Aber der Unterschied zwischen Hirschen und Menschen ist kleiner als manchen lieb ist.

Bei den Hirschforschungen vor fünfzig Jahren lernte ich, dass jeder männliche Hirsch sein Territorium, seinen Platz hat und gegen Nebenbuhler verteidigt. Deshalb ist es eben der „Platzhirsch“. Nebenbuhler machen ihm rundum den Platz streitig, verdrängen ihn zuweilen sogar. Sie fühlen sich ständig bedroht, schlagen ihr Geweih in den Boden dass Erdfetzen fliegen, oder scharren mit ihren Hufen dass Staubwolken die Wahrheit vernebeln. Beides dient zum Drohen, Provozieren, wenn nötig, um die Nebenbuhler zu verjagen. Das ist Natur. Auch bei den meisten Menschen !

Mystal ist der Herr des Hauses und der Familie. Und ein Hausvorstand ist ein Platzhirsch, der Herr des Platzes, und will beachtet und anerkannt werden. In Sozialkonflikten mit „Primitiven“ besser Unterwerfung zeigen, das ist schon in Haltung und Gebärdensprache möglich und funktioniert immer, selbst bei allen Tieren. Umgekehrt zu provozieren, mit seinen Erfolgen zu protzen und Zeigen dass man besser ist,, erreicht das Gegenteil. Über den Trottel zu schimpfen, hilft nichts sondern ist ein Brandbeschleuniger. Platzhirsche nicht herausfordern wie sie es tun, die angeblichen „Tiere“, dich nicht gebärden wie ein Platzhirsch. Tiere und Menschen haben ihre Kritische Distanz, selbst im Gespräch, bei deren Überschreiten besonders durch vermeintliche Nebenbuhler die Zähne gezeigt werden, oder andere nonverbale Reaktionen erfolgen. Man muss die Zeichen verstehen, wenn man in fremden Kulturen reisen will.

Der bodenlosen Gastfreundschaft dieser Menschen steht eine hochgradige Empfindlichkeit gegenüber. Mit Fremdem, Entfremdetem muss man sparen. Es sendet falsche Signale. Leben auf dem Dach im Zelt potenziert die Provokationen, ja sogar die Ängste, zum Beispiel ins Gerede zu kommen, weil man diese unverdauten Signale von rundum aus Kilometerdistanz sieht, was sagen da die Leute, die noch hinterwäldlerischer und abergläubischer sind als die Familie von Mystal. Dominierendes Gehabe, Mangel an erwarteter, sozialer Subordination, Hippie-Look, nackter Oberkörper, Pfeifenrauchern wenn auch im Freien, mangelnde Anerkennung und Meckern an allem, Schließen der Ausgangstür auf die Dachfläche selbst für den Hausbesitzer, mögen die für ihn provozierenden, Signale gewesen sein. Dazu kommt die Erkrankung Melissas, die gestern mit Typhus ins Spital eingeliefert werden musste und abergläubischen Interpretationen Tür und Tor öffnet.

So ist es nicht verwunderlich, dass die Missstimmung zwischen Mystal und Ulli spürbarer wird und er allerlei kleine Signale seines Unmuts sendet: da werden kleine Bauten, die Ulli für etwas vorgesehen hat, abgeräumt, zweckbestimmte Wasserkessel ausgeleert oder verstellt, Generator- und Strompannen gefördert. Auch ich leide mit meiner Arbeit darunter, wenn ich den ganzen Tag auf Strom warte und nichts tun als Liegen und Sinnen kann. Aber wenn der Hirsch scharrt und der Staub fliegt, soll man nicht gegenscharren – und so warte ich, bis sich die kritische Distanz wieder abgebaut hat. Und siehe da, am Abend kommt der Strom !

Dabei tut Ulli sichtbar so viel Gutes, holt Wasser, sammelt solches aus dem Regen, baut Vorrichtungen die dann Mystal wieder zerstört, hat gute Pläne, aber leider muss man sagen: Gut gemeint und voll missglückt ! Ich glaube, wenn man ihn als Trottel anschaut, dann spürt er das – auch ohne Deutsch und Englisch. Wir müssen an unserem Menschenbild trimmen. Ich glaube, dass das sehr einfach wäre. Ich kenne diese liebe Familie nun wohl seit zehn Jahren, und habe sehr oft hier gelebt. Und die Menschen hier alle als überaus friedfertig und liebenswürdig kennen gelernt. Wie’s jetzt weitergeht, weiß ich auch nicht, jedenfalls haben wir es mir Natur zu tun, Natur dieser Menschen, und die reagiert nicht immer nach unserem Plan.

Einmal wollte Ulli den Computer anstecken, um bei Eintreten des seltenen Stromfliessens die Batterie aufzuladen. Mein Computer ist aber ein echter Schweizer und verfügt deshalb über drei runde Steckerstifte, das hierzuland übliche US-System hat nur deren zwei und zwar flache. Also ist ein Zwischenstück nötig, das nur in der Schweiz erhältlich ist und deshalb hier Seltenheitswert hat. Das fiel ab und war nun überfällig. Ich selbst bin etwas gstabig ( ungelenk ) und leiste es kaum mehr, unter dem Bett zu suchen. Ulli übernahm das und kam mit leeren Händen zurück, das Stück sei nirgends mehr vorhanden also eindeutig gestohlen. Das bisher bodenlose Vertrauen in unsere liebe Gastgeberfamilie war also gestört. Ich bat die Kinder, die noch klein und gelenkig sind, unter dem Bett nach dem Adapter zu suchen. Und siehe da, nach wenigen Sekunden brachte mit Yandi das Vermisste voller Stolz.

Und die Melissa liegt wieder nebenan und leidet unter unsäglichen Qualen. Die Diagnose aus dem Spital von Léogâne lautet auf Typhus. Während ein Dutzend Freunde aus der Nachbarschaft das Bett umstehen und im Chor singen und beten, wirft der „Konsul“ oben auf dem Dach Ziegelsteine und Bretter herum, bis ich hinaufsteige und um Rücksicht bitte. Melissa bittet um den Besuch eines weiteren Fast-Nachbars, der Arzt ist, Hughes. Sie möchte ihn um Rat bitten, weil sie Vertrauen hat zu ihm, für mich im Moment die klügste Entscheidung. Hughes ist nach wenigen Minuten da. Da er in ewiger Organisation arbeitet, ist er nicht für eine Untersuchung ausgestattet. Der Versuch, in der Nachbarschaft geeignete medizinische Geräte zu finden, schlägt fehl.

Da steigt mein indischer Freund die Treppe hinunter, erschreckt die Gruppe und Hughes beinahe, und greift nach Melissas Arm um ihren Puls zu fühlen. Hughes erschrickt auch, und ich beeile mich die beiden sich gegenseitig vorzustellen. Der Inder schlägt ein Naturmedikament aus seiner Heilpraxis vor, Hughes aber, der die Analyseergebnisse von Léogâne bereits studiert hat, verlangt die sofortige Hospitalisierung und organisiert ein Zimmer im Bourdon-Spital. Ulli ist sehr beleidigt dass die Todkranke scheinbar kein Vertrauen zu ihm habe. Da erinnere ich mich, dass er bei der Suche des Stecker-Adapters auch von Diebstahl gesprochen, also kein Vertrauen zur Familie mehr hatte.

Jetzt liegt Melissa, die tapfere „Schwester Theresa von Montagnes Noires“, wie sie Ulli liebevoll nennt, im Sauerstoff und ist angehängt an Schläuchlein und Pumpen, und wir alle hoffen und beten für sie. Und wir wissen, dass wir im Lande der Wunder leben, und hoffen auf eines mehr. Kreativität der Herzen, Kultur der Stille und Einkehr, gegenseitige Wertschätzung und Zuneigung sind jetzt gefragt. Ein kleiner Schritt Entgegengehen, ein kreolisches „Commen ou y è? ( wie geht es? ) könnte Wunder wirken. Der Fremdling aus dem fernen Himalaya kann das noch lernen. Vertrauen ist ein zartes Pflänzchen und lässt sich nicht erzwingen, und „Primitive“ verhalten sich eben natürlich.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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