Ammoniten in Haiti

Ammonit

Datum: 26. November 2009
Uhrzeit: 11:34 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

AmmonitAm 19.März 2007 beschrieb ich in einem Brief ein Erlebnis aus meinem Haus in Haiti, das wohl jeden zum Schmunzeln bringt. Es war Sonntag, 18.März 2007, Haiti-Zeit 14 Uhr, windig, chaotisches schwarzes Gewölk über dem Meer, die Wellen tosten aufgepeitscht an den Strand. Ich saß in meinem Türmchen und kitzelte den Computer, der seit November sporadisch flimmerte und mit dem Himmel um die Wette wölkte. Plötzlich schreckendes Geschrei von unten. „Otti, Otti, Hilfe!“ rief mein Wächter Alson herauf. Ich trat auf die Terrasse. Alson verwarf aufgeregt die langen Arme und zeigte auf den Salon im Erdgeschoss. „Bête, bête, ein großes Tier ist im Haus, im Salon, ein großes Tier, komm runter, sofort!“ Dem konnte ich nicht widerstehen.

Unten angekommen, ein Riesen-Durcheinander. Geschrei. Alle Türen standen offen. Männer, schwer bewaffnet mit Macheten im Salon, dabei auch eine Frau mit einem Prügel. Angstverzerrte Gesichter. Palaver, Respekt. Abstand. Die Blicke angstvoll auf eine Ecke gerichtet. Ich sah nur ein altes Schubladenmöbel, davor der vormalige Inhalt, aufgehäuft auf dem Boden. Disketten, CDs, nur kein Tier. Die Machete schlagbereit erhoben, näherte sich Jean-Robert vorsichtig dem Schubladenschacht. Da wurde sogar ich gespannt.

Alson stocherte mit seiner Machete ins Dunkel. Er hangelte etwas Schweres hervor. Eine Leiche ? Ein Zombie ? Sonst ein Gespenst ? Etwas Hartes schlug auf den Plättliboden. Und Gespenster sind doch weich! Die Macheten schlugen mutig und gleichzeitig drauflos.

Ich kam zu spät. Konnte nicht verhindern, dass Alson in Panik zuschlug, wohl dorthin, wo er den Kopf vermutete. Aber den gab es gar nicht. Er war seit Jahrmillionen gestorben, verschwunden, zu Stein geworden. Und erst noch nachgebildet. Mein Vater hatte leidenschaftlich Fossilien gesammelt, aber dies war kein Petre- sondern ein Artefakt. Auch dieser stammte aus seiner Sammlung, ein Fleiß stück einer Künstlerarbeit, indem ein Bildhauer einen echten Ammoniten in hartem Travertingestein nachgebildet hatte. Ich hatte die Skulptur seinerzeit meinem Vater aus der Sahara als Andenken mitgebracht und später nach Haiti mitgenommen. Jetzt fehlte ihm ein Stück der vermeintlichen Kopfmündung, und wahrscheinlich hat Alsons Machete seitdem eine Scharte. Die Situation entspannte sich und wir konnten wieder herzhaft lachen.

Schon Plinius der Ältere bezeichnete etwa im Jahre 23 in Novum Comum, dem heutigen Como, Versteinerungen als „Ammonshörner“. Ammon war eine ägyptische Gottheit, die als Widder mit gedrehten Hörnern dargestellt wurde. Ammonshörner oder Ammoniten sind Zeugen vergangenen Lebens aus der Erdgeschichte. Sie lebten von 416 Millionen bis zu 65 Millionen Jahren, dem Übergang von der Kreide zum Tertiär. Sie besiedelten während der langen Zeit den riesige Tethys-Ozean. Es waren marine Kopffüßer. von denen es bis zu 40.000 Arten gab.

Ihre Schalengrösse schwankte vom Zentimeter- bis zum Meterbereich. Sie lebten gleichzeitig mit den Dinosauriern. Durch einen Planetoiden-Einschlag wurden sie vor 65 Mio. Jahren mit vielen anderen damaligen Tierarten vernichtet.

Der am häufigsten versteinerte Teil ist die Schale der Tiere. Die Form des Gehäuses ist eine aufgerollte Spirale, wobei sich die Ränder der Windungen umfassen. Diese Schalenform nennt man planspiral. Wegen der Ähnlichkeit mit einer Riesenschnecke kamen meine Leute überhaupt auf die Idee, dass das ein Tier sein. Die Schale besteht aus den Bereichen Wohnkammer und Auftriebskörper. Diese Kammern waren bei lebenden Tieren mit Gas gefüllt. Zur Regulation des Gases diente wie bei Perlbooten ein Sipho, eine röhrenförmige Bildung, die wie ein Schnorchel zum Atemholen an der Wasseroberfläche verwendet wurde. Durch das Ein- und Auslassen der Gase in die Kammerscheidewände, die Septen, war es dem Ammoniten möglich, im Wasser auf und ab zu steigen. Auch konnten sie sich damit nach dem Rückstoßprinzip vorwärts bewegen. Zudem ermöglichten zahlreiche Arme wie bei einem Kraken oder Tintenfisch, auf dem Meeresgrund zu gehen. Das trug den Kopffüßern, einer Klasse innerhalb der Weichtiere, den Namen ein. Das Tier lebte in der Wohnkammer und konnte sich bei Gefahr wie eine Schnecke in sein Haus zurückziehen.

Die Ammoniten wurden nach ihrem Tod in Sedimenten des Meeresgrundes begraben. Jahrmillionenlang drangen gelöste Mineralstoffe in die Kammern ein und verhärteten dort. Es entstand eine Versteinerung, ein Fossil oder Petrefakt. Aufgrund ihrer Schönheit sind Ammoniten bei allen Fossiliensammlern beliebt.

Jetzt liegt „das Tier“ ohne Kopf vor unseren erstaunten Gesichtern, ein Kunstwerk neben einem ehemaligen echten Tier, ein Artefakt neben einem Petrefakten. Wir aber freuen uns köstlich, dass es sogar auf der Karibikinsel Hispaniola, die sich Haiti mit der Dominikanischen Republik teilt, gelegentlich noch etwas zum Lachen gibt!

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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