Haiti ist das Land der Gegensätze

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Datum: 04. Oktober 2010
Uhrzeit: 15:34 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Wieder einmal bewahrheitet es sich: Haiti ist das Land der Gegensätze. Die Werte der heutigen Feriengesellschaft können im Prospekt jeder Trauminsel abgelesen werden, incl. der östlichen Hälfte von Haiti, die der einstigen dominikanischen Billig-Ferienrepublik zugehört. Alles im richtigen Haiti ist ganz anders, schon von der Geschichte her, dann von der jüngsten Trauerentwicklung als Unstaat und Katastrophen-Staat. Schon vor dem Erdbeben vom 12.Januar 2010 mit seinen 300’000 Toten, ebensovielen Verkrüppelten und Schwerverletzten und Millionen von Obdachlosen  verhungerten hier Kinder wie in Afrika.

Und dann, Haiti war eben im Begriff, mit Hilfe der UNO und der Staaten der Welt aus dem Schlamassel heraus zu finden, sich an die zugeworfenen Rettungsringe zu klammern und schwimmen zu lernen, an die großen Hilfsprojekte der Weltgemeinschaft und die Führerschaft der bewährtesten UN-Führer und US-Ex-Präsidenten zu glauben, da geschah das Unfassbare, das Erdbeben vom 12.Januar 2010 zerfetzte das Land. Haiti wurde innert 35 Sekunden weiter zurückgeworfen, als es vorher war, all die begonnenen Hoffnungsprojekte waren zerstört, und das Leben musste von vorne beginnen.

Der Traum von der Ferieninsel und vom Tourismus wurde zum Alptraum. Jetzt müssen sogar Sicherheit, Flughäfen, Straßen, Hotels und teils die Sehenswürdigkeiten wieder aufgebaut werden. Sound und Sex sind in die wenigen Hotels verbannt, die noch stehen, weit weg von der Hauptstadt, und nicht von Hilfswerken requiriert. Auch Strand und Sand gibt es anderswo kaum mehr, muss doch alles mühsam gereinigt werden, selbst die Tauchgründe der Korallenriffe. Und wer hätte denn daran ein Interesse, wenn nicht die wenigen übriggebliebenen Hotels. Die können so wenig auf Hilfe hoffen als ich, denkt man doch allzuleicht „die haben ja schon genügend gehabt, genügend Paradies“. Fast schadenfreudig, möchte ich sagen. Dass man den Hebel dort ansetzt, wo er am besten greift, ist ja halbwegs verständlich. Wenn die heute alle auf dem gleichen, absoluten Nullpunkt sitzen wie die, die immer schon dort waren. Neuerdings macht man nicht den Unterschied zwischen reich und arm, sondern zwischen „neuarm“ und „schon seit jeher arm“; die Neu armen erhalten mal zum voraus nichts.

Vielleicht erinnern Sie sich, wie es SOS Enfants Haïti geht, denen ich schon vor bald 20 Jahren geholfen habe. Mithilfe meiner Lieben Leser, die immer wieder spendeten (ich habe die Aktionen öffentlich abgerechnet, wie Sie sich vielleicht erinnern). Die Stiftung war von einem „Reichen“ gesponsert worden, ausschließlich für Kinder von ganz Armen, die kein Schulgeld bezahlen konnten. Mein Freund hat sich leider indessen erschossen, nach offizieller Lesart. Noch vor dem Erdbeben. Wenn die Darstellung stimmt und er noch leben würde, würde er den Umgang mit „seinen“ 400 Kindern wohl nochmals nicht überleben. Denn seine tapfere Frau führt die Schule im Regen immer noch weiter, lässt die Kinder nicht im Stich. Im Gegensatz zu andern Beispielen hat sie von den enormen Spendengeldern keinen Heller erhalten, bis heute nicht. Die Familie führte ein Badehotel, das bald wieder aufgebaut ist, und wurde von den Verteilorganen als (ehemals „zu reich“) beurteilt, um beitragswürdig für den Wiederaufbau der Schule zu sein.

Die Reichen haben nie genug; sie bereichern sich heute schamlos weiter, zum Beispiel sind „Zahlungen zum Voraus“ IN. Ein Bruder von Melissa ist Hauswart in verschiedenen Neubauten einer Bank. Er erzählte von Wohnungen, die heute für 1500 bis 2000 US$/Monat vermietet werden. Und dass man Schlange steht, um so eine Wohnung zu ergattern. Deshalb lassen es sich die Vermieter nicht nehmen, die Wohnungen denen zu geben, die den Betrag auf ein Jahr zum Voraus bezahlen können.

Es scheint auch bei uns nicht anders zu sein. Ich schreibe an einem Buch, und da ist es üblich, dass die Verlage fünfstellige Beträge ( in harter Währung ) als Garantieleistung verlangen. Ob ein Buch diesen Betrag überhaupt jemals einbringt, steht in den Sternen. Wie so viel anderes. Auch die Provider- und Antennengebühren berechnen sich monatlich im voraus, und nirgends sind die Unternehmen so schnell wie im Abstellen, wenn eine Zahlungsfrist abgelaufen ist. Wie heute, dem 2.Oktober 2010, erst noch einem Samstag, da haben die Banken eben geschlossen. Offenbar kam die im Dauerauftrag, also „automatisch“ laufende Zahlung zu spät, denn die Verbindung zur Internet-Antenne ist seit heute morgen abgestellt. Und wegen des Wochenendes werde ich erst Montag, den 5.Oktober reklamieren können. Dann beansprucht das Wiederöffnen sicherlich einen Tag und einige Dollars Spesen, und bis Dienstag 6.Oktober ist mit keinem Internet mehr zu rechnen. Und gleich verfahren die Abzocker mit tausenden.

Auch wenn ein Kunde ausscheidet, zahlt ganz gewiss niemand etwas zurück, weder für Wohnungen noch irgendwas anderes. So bereichern sich die einen, die schon reich sind, noch mehr, sie haben ihre ergaunerten Scherflein bereits im Trockenen. Immer noch kein Obdach im Trockenen aber haben die Obdachlosen, die im Morast überleben und kaum mehr nachkommen, um Dreck und Schlamm von sich zu schaufeln.

Gestern hat man im Fernsehen immerhin von einer neuartigen Idee gehört: Die Obdachlosen einiger fortgewehter Zeltlager werden auf Schiffen einquartiert. Venezuela macht den Anfang und stellt eine Autofähre zur Verfügung. Damit gesellt sich zu den bisherigen zwei Arten von Boat People eine dritte. Die in den Fernsehbildern gezeigte Luxuseinrichtung will nicht richtig zu den Vorstellungen von Bootsflüchtlingen passen. Kaum vorstellbar, dass die jemals wieder raus und zurück wollen in Schlamm und Zelte. Einmal mehr werden sie es am eigenen Leib erleben: Haiti ist das Land der Gegensätze.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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