Haiti: Die Mütter von Lakoumango – Es gibt auch eine Gegenwart

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Datum: 14. November 2011
Uhrzeit: 09:09 Uhr
Leserecho: 1 Kommentar
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Karten und andere Lehrmittel an den Wänden haben die Mütter gemalt, die Drucksachen bringen die Schüler mit – Fotokopien, Reklamen, Objekte mit Schriften – mit ihnen wird gelesen und gelernt. Es ist eine DIY-Schule (Do-It-Yourself)- mache es selbst. Jeder Tag, an dem die Kinder auch nur eine Ziffer oder einen Buchstaben lernen – aber sie lernen mehr – ist ein Geschenk. Jeden Tag, den die Kleinen nicht auf der Gasse rumlungern, und vielleicht stehlen lernen. Das machen die Mütter, die machen eben alles selbst. Wohlverstanden, unbezahlt. Unverdorben.

Und da gibt es noch Kritiker, Politiker, die dürfen sagen (weil wir sie um einen kleinen Beitrag bitten aus den Milliarden, die sie eingestrichen haben): „Sorgen Sie gescheiter dafür, dass die Frauen zuerst ein rechtes Seminar besuchen können“. Natürlich, schöne Denke, in Europa und USA gelernt. Aber selbst wenn die Vorbildung vorhanden wäre, würde die Seminarausbildung immer noch Jahre beanspruchen. Und indessen könnten Millionen von Kindern nicht lesen und schreiben lernen. Und würden auf der Strasse rumlungern. Und stehlen lernen, oder sogar Schlimmeres.

Und die Mütter von Lakoumango helfen sich selbst und ihren Kindern, weil ihnen niemand anders hilft. Sie haben ja auch noch ein paar Kids zuhaus, für die sie kochen und putzen müssen, das Wasser tragen die Männer. Und so wenig wie sie selber Geld zum Schulbesuch hatten, geschweige denn Geld und Zeit für den Besuch eines Seminars, das erst noch eine Tagreise weit weg liegt und auswärts wohnen bedingt, würde der Besuch der nackten Betonplatte etwas bringen? Wo denken denn die Planer hin, die von der UNO und den x-tausend Hilfsorganisationen? Natürlich an die Zukunft. Vor lauter Zukunft vergessen sie, dass es auch eine Gegenwart gibt. Und die ist traurig.

Ich erzähle keinen „Mumpitz“ (Erfundenes), der Herr hat mich sogar eingeladen, zu sehen, wie man ein Seminar verwirkliche (hab ich doch schon vor 60 Jahren erlebt). Und wie fortgeschritten die hiesigen Anstrengungen seien. Sicher, dringend nötig, nachhaltig und löblich, europäisch ausgetüftelt und haïtianisch abgekauft. Aber die Generationen von Kids, die indessen vergammelt werden, opfert man einfach. Wie das Leben der Tausende in Schlamm und Zelten, auf deren Tod man wartet, weil dann alles billiger kommt. Und der Herr mobilisiert Hilfen aus Euroland. Nicht nur Milliarden, auch junge Gutmenschen, Klassen von Fachschulen, die denen zeigen, wie man ein Seminar plant und baut. Eine dicke erdbebensichere Betonplatte wird in Fronarbeit erstellt. Darauf wird dann einmal das Seminargebäude stehen. Vielleicht. Für die Lehrerinnen der Zukunft. Nein, nicht für die Mütter von Lakoumango, die DI-Lehrerinnen der ESMONO.

Jetzt ist ein Jahr später. Die Betonplatte steht prompt immer noch leer. Es schreit zum Himmel. Von Hilfsorganisationen (auch in der Schweiz) werden Zuschriften wenn überhaupt mit Floskeln beantwortet und von den hiesigen Hilfswerken hier tönt es so wie heute morgen:

„Dear Brother Hegnauer, On behalf of xxx, thank you for your e-mail and your diligent work in Haiti. The xxx (Name) xxx understand and appreciate the work you are accomplishing. They asked me to thank you for them and to reiterate they are very sorry they cannot provide any assistance to your school or to any additional organization. They currently provide food and supplies to over 40 organizations in xxx in addition to the 15 villages they work in. It hurts them to turn anyone away, especially a project as worthwhile as yours, but they simply don’t have any resources to share. Thanks and many blessings xxx,“

Sollte auf gutdeutsch wahrscheinlich in etwa heissen:

Lieber Gesinnungsbruder Hegnauer,
im Namen von xxx danken wir Ihnen für Ihre eMail und Ihre sorgfältige Arbeit in Haïti. Das xxx-Hilfswerk versteht und schätzt Ihr Werk sehr. Die Stifter baten mich, Ihnen an ihrer Stelle ganz herzlich zu danken und Ihnen nochmals mitzuteilen, wie sehr sie bedauern, keine zusätzliche Unterstützungen von Schulen oder Organisationen mehr gewähren zu können. Sie organisieren bereits Nahrung und Versorgungsmaterial für über 40 Organisationen in 15 Verteilstellen, in denen sie bereits mit Erfolg arbeiten. Wir fühlen uns sehr verletzt, Bittsteller einfach abzuweisen, besonders wenn es ein Projekt betrifft, das, so lohnend ist wie das Ihrige, aber leider haben wir alle Betriebsmittel schon verteilt.
Nochmals vielen Dank und Gottes Segen, xxx

So oder ähnlich tönt es bei den vielleicht 5%, die überhaupt antworten. 95% verschlampen die Antwort. Und die „Ausgebildeten“, die das Sagen haben – ich betone, unabhängig von Hautfarbe, Wohnecke und anderen „Kriterien“ – die Lehrer denken zu viel an die Vergangenheit, Uni-Lehrer, UNO-Planer und andere Hochgeschraubte zu viel an die Zukunft. Aber sie alle vergessen, dass es auch eine Gegenwart gibt.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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  1. 1
    Klaus

    Lieber Otti – nein- Du erzählst sicherlich keinen Mumpitz.Ich sehe, Haiti hat sich in 40 Jahren nicht verändert.
    Die AusWirkungen des goudou-goudou will ich dabei nicht vergessen.
    Der englische Text oben gezeigter Antwort hätte genauso vor 40 Jahren geschrieben sein können == abgespeicherte Floskeln ==-
    Interessant, dass Du inzwischen den Begriff „Gutmensch“ benutzt. Ich glaube schon lange nicht mehr, dass der einzelne Mensch in „gewissen Etagen“ wirklich zählt, sei er schwarz, weiss oder grün ! Was wir hier in Zentraleuropa erleben, deutet auf völlig „menschenverachtendes“ hin.—
    Im Nov. bzw. Dez. werden wir dieV-Ausstellung in Bremen besuchen. Wir geben Dir dann Bericht darüber.
    Wie geht es Frau Marianne Lehmann ? Besten Gruss und halte Dich aufrecht !
    (ich sah ja, dass Deine „Mel“ den Fam.-Namen ‚Charles‘ trägt.
    Anfang der 70er hatte ich eine gute Bekannte in „Bizoton“ mit dem gleichen Fam. Namen.)

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