Unter der Gürtellinie: Das letzte Versteck

Versteck

Datum: 18. April 2010
Uhrzeit: 07:48 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Die letzten Verstecke sind meistens die besten. Denn es sind die nach gemachten, bitteren Erfahrungen. Etwa die vom 20.Februar. Die unverzeihliche Nachlässigkeit, alle meine Siebensachen in derselben Tasche aufzubewahren, erkannte ich zu spät. Mein Schweizer und Melissas Haiti-Pass samt Schengen-Visum, Bankbüchlein, Führerausweis, Identitäts-, Kredit-, Versicherungs- und alle anderen Karten, die bei Weltenbummlern so üblich sind, das ganze Reisegeld in verschiedenen Währungen, sämtliche Schlüssel, Fotoapparat und anderes waren innert dem Bruchteil einer Sekunde in den Händen eines Gangsters. Noch schneller als die 35 Sekunden in denen mein Haus, Hab und Gut verschwunden waren. Die nachfolgenden Szenen bei Polizei, Botschaften und anderen Amtsstellen brachten auch nichts mehr.

Und das musste ausgerechnet mir passieren, als passioniertem Globetrotter und langjährigem Tourleader in Afrika. Da wo man Gefahr wittert verhält man sich eben stets klüger, zu Paris und erst noch zur beamten- und kameraüberwachten Sicherheitszone des Hotels hatte ich ein unberechtigtes, fast grenzenloses Vertrauen. Zum Glück verfügte ich über ein kleines Bankguthaben in der Schweiz, das noch nicht gestohlen war ( was nicht ist, kann noch werden… ). Meine Papiere habe ich mit viel Ärger und Aufwand ersetzt, auch Melissa ist mit einem Laissez-passer endlich zurück und wartet in Haiti nur noch auf einen Pass. Ich werde mich während den nächsten Reisen besser verhalten und nach klügeren Verstecken für meine Habseligkeiten erkundigen. Gute Vorsätze, allerdings zu spät.

Apropos Papiere, um diese zu ersetzen, müsste ich mich anmelden, meinte die Gemeinde. Gesagt – getan, mit der strikten Mitteilung, dass ich in Haiti, das sich die Karibikinsel Hispaniola mit der Dominikanische Republik teilt, wohne und angemeldet sei und, trotz eingestürztem Haus, nichts daran ändern wolle. Nach ein paar Tagen kam eine Steuerrechnung, provisorisch und „nur“ 700 Fr., obschon die wussten, dass ich mein Haus und alles verloren hatte. Ich fand das unter der Gürtellinie und meldete mich flugs wieder ab. Auf dem Steueramt eröffneten sie mir, die definitive Rechnung komme noch vor meiner Abreise, sie werde höher ausfallen, das Minimum für Steuern betrage drei Monate. Wohlverstanden, alles nur um gestohlene Papiere zu ersetzen. Schweiz ist eben nicht immer Schweiz, ich muss mich hüten zu verallgemeinern, da ich so oft gegen diese Untugend wettere.

In einem Ausrüstungsladen für Expeditionsteilnehmer wollte ich mich beraten lassen. Ich fand einen solchen unter „Transa“ in Zürich. Da erledigte ich einige Einkäufe, die einen Normalbürger wohl schmunzeln ließen. Für Banknoten erstand ich einen hohlen Ledergürtel mit Reißverschluss. Übrigens hatte ich immer schon einen solchen getragen, aber ausgerechnet jetzt zurückgelassen in meinem Haus, das in der Folge zusammenbrach. Geschickt gefaltet, können darin Mengen von Tickets unauffällig versteckt werden, die man fortan immer auf sich trägt, buchstäblich UNTER der Gürtellinie. Zum „Nachtanken“ empfiehlt sich ein geschlossener Raum, etwa eine Toilette, und Vermeiden jedweder Beobachter. Traveller Checks und ähnliche Zahlungsmittel sind eben in so speziellen Reiseländern unbekannt, und auch Banken oft geschlossen und unzugänglich.

Das wichtigste Requisit ist im Ausland immer der Passport. Dafür fand ich maßgeschneiderte Vorrichtungen, die auch ein Bankheft fassen können ( wie es im Ausland manchmal noch üblich ist ). Ich entschied mich für eine Passtasche, die im Innern der Hosen an Gurtschlaufen hängt und somit unsichtbar bleibt. Nach offiziellen Empfehlungen soll man einen Pass zwar nie mittragen, sondern zuhause verstecken und nur Fotokopien mitnehmen. Hätte ich diesen Rat befolgt, dann wäre mein Pass schon während des Erdbebens verschüttet worden; dank dem, dass ich ihn stets mitzutragen pflegte, konnte ich aber zurückreisen in die Schweiz.

Auch mein Notebook, das während des dreisten Überfalls friedlich im Zimmer lag und als einziges Requisit den räuberischen Akt überstanden hatte, könnte ein begehrtes Diebesobjekt sein. Das wäre natürlich der schwerste Schlag überhaupt, denn in einem Notebook steckt jahrelange Arbeit. Die Diebe interessieren sich bekanntlich nur für die technischen Hüllen, die können sie in Blankes umwandeln, dafür schlagen sie sogar Autoscheiben ein. Um solche Risiken zu vermindern und das gefährliche Ding nicht mehr in der Hand tragen zu müssen, habe ich einen passenden Rucksack gekauft.

Offenbar haben die Diebe allerhand Erfahrung. Als ich in diesen Tagen mit dem Zug von Zürich heimfuhr, wurde ich Ohrenzeuge einer schauerlichen Geschichte. Eine junge Frau erzählte halb weinend und mit greller Stimme, wie sie all ihr Geld verloren hätte, und der ganze Wagen voll Leute hörte zu. Die Frau hatte das Geld in den Strümpfen unter den Füssen versteckt. Die damit verbundene Duftmarke und wie da der Dieb rankommen konnte, habe ich leider verpasst, das wäre wohl das Interessanteste gewesen. Im Gegensatz zu den übrigen Reisenden habe ich mich nicht an der angeregten Diskussion beteiligt, obschon ich auch aktive Beiträge gewusst hätte, sie war mir „zu geistreich“. Aber sie zeigte immerhin, dass Diebe mit allen Wassern gewaschen sind, und dass man nicht genug auf der Hut sein kann vor ihnen.

Da fällt mir noch eine Geschichte ein, die ich in Diebe verraten sich mit Klingeltönen geschildert habe. Ein Dieb hatte das gestohlene Handy noch tiefer unter der Gürtellinie versteckt, nämlich unter den Fußsohlen! Das war wohl noch aufwändiger als das von ein paar Faltnötli. Aber er hatte vergessen, es rechtzeitig auszuschalten, und prompt klingelte es in Schuh!

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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