Selbst der Himmel bebt in Haiti

LaVigie-12

Datum: 01. Juni 2010
Uhrzeit: 19:52 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Haiti, das sich die Karibikinsel Hispaniola mit der Dominikanischen Republik teilt,  ist jeden Tag ein Abenteuer wert- oder mehrere. Zum Glück habe ich meine heutige Kolumne schon in der Nacht vorausgeschrieben, zum Übermitteln fehlte der Strom, das wird heute oder morgen erfolgen. Was heute stattfand, das war ein Wolkenbruch. Oder eher ein Himmelsbeben, das jetzt neben den Erdbeben und Seebeben offenbar auch wütet. Alle Wolkenschleusen brachen, und ihre Trümmer schlugen uns auf die Köpfe, wie wenn es solche von einstürzenden Häusern wären. Aber es waren Wassertrümmer, die auch totzuschlagen versuchten, was sich noch ins Freie wagte.

Die Schleusen des Himmels standen weit offen, und die des Bodens begannen sich auch aufzureißen. Die Wassermassen der Montagnes Noires, der Schwarzen Berge, fluteten gebündelt zwischen die Gartenmauern der Luxusvillen der Reichen und strömten als reißende Flüsse die steile Bergstraße hinunter, da und dort Felsblöcke mit- und Erosionslöcher aufreißend. An solchen Stellen bäumte sich das niederschießende Wasser zu meterhohen Kaskaden auf, und es war nicht verwunderlich dass vor einem Jahr eine heim eilende Anwohnerin den Boden verlor und mitgerissen wurde, man fand ihre Leiche nie mehr. Wir fuhren mit Joseph, einem ortsansässigen kundigen Tap-Tap-Lenker den reißenden Fluss hinunter, an zur Seite verschwemmten und im Schlamm stecken gebliebenen Vehikeln vorbei, Hühnerhaut beim leisen Wunsch, dass es uns nicht auch so gehe. Die Scheibenwischer waren überfordert, und Melissa musste beständig das Kondenswasser von den Scheiben trocknen.

Endlich waren wir unten in Pétion-Ville, wo wenigstens die Straßenverhältnisse etwas akzeptabler waren. Nach Vermeidung verschiedener Fast-Unfälle langten wir endlich bei der Bank an, fast der einzigen, die nach dem Beben noch übrig geblieben war. Wir erkundeten eine halbwegs mögliche Stationierungsmöglichkeit für unser Fahrzeug und hofften, bald wieder hierher zurückzufinden, wir hatten uns gewaltig getäuscht.

Das Laufen quer über die Straße stellte eine weitere Wasserprobe dar, und Sekunden genügten, um uns total zu durchnässen. Vor der Bank drängten sich hunderte von Leuten und suchten Schutz vor den Fluten, aber die anwesende Polizei war hart – und als fast ausgedienter Weißer hatte ich wieder einmal Vorrecht und Vortritt, und ich zog natürlich Melissa hinter mir nach ans Trockene, in die Bank. Erneut die Hunderte. Das ganze Personal total überfordert. Ich verzichte darauf, all die folgenden Details zu schildern, in Banksachen empfiehlt sich bekanntlich Diskretion. Und in den ersten Stunden ( Sie haben richtig gelesen ) waren wir ganz froh, hier im Trockenen zu sein, denn ein Blick durch die spärlichen Türen zeigte, dass der Wolkenbruch draußen immer noch weiterging. Doch als es gegen die vierte und dann sogar die fünfte Stunde ging, wurde es selbst mir zu bunt, und ich wandte mich an die Direktion. Die hatte ein Einsehen und half uns relativ zügig.

Draußen aber mussten wir feststellen, dass auch unserem Fahrer der Geduldsfaden gerissen hatte. Das Auto stand zwar noch da, aber den Chauffeur fanden wir nicht mehr. Obschon es indessen tatsächlich kaum mehr regnete und sich sogar die Sonne zeigte, deponierte mich Melissa bei einem Polizeiposten und ging auf die Suche. Vergeblich. Auch die zahllosen Handy-Kontaktversuche blieben erfolglos. Und nach einer weiteren Stunde, oder auch mehr, ging das Himmelsbeben wieder los. Melissa hatte ihre vorgesehene medizinische Inspektion, eigentlich den Ur Zweck des ganzen Unternehmens, verpasst, orientierte meine „Wächter“ und entfernte sich mit einem Motorrad-Taxi allein Richtung Schwarze Berge.

Ich blieb wie nicht abgeholt bei meinen unfreiwilligen Bewachern und versuchte mich in kreolischen Diskussionen, Interesse am Thema war da nicht mehr gefragt. So wartete ich in einem Wachthäuschen wohl eine weitere Stunde, und dachte schon an eine Hotelsuche, aber die mir bekannten Hotels waren alle eingestürzt. Aber das Wunder geschah: das Motorrad kam zurück und ich war abgeholt. Natürlich verfügte der Fahrer über eine wasserfeste Gummikleidung und einen Helm, ich hatte nichts davon. Was blieb mir anderes übrig, als hinter dem Fahrer aufs Motorrad zu klettern und ihn mit meinen nackten Armen fest um den Bauch zu umklammern, und los gings. Die Fahrt in die Schwarzen Berge durch Sturzbäche vom Himmel und auf der „Straße“, die zum reißenden Fluss geworden war, vergesse ich wohl nie mehr. Natürlich war ich total durchnässt, bis auf die Haut, schon nach Sekunden. Kleider und Wäsche klebten an mir, und ich saß fatalistisch auf dem Motorrad im peitschenden Regen, mit geschlossenen Augen. Kurz vor dem Ziel klärte es auf, und der Regen wurde ( fast ) normal. Oben erwartete mich bereits Mystal, ein Frottiertuch, trockene Kleider und warme Nahrung waren vorbereitet, und Strom oder Internet konnten mir für heute gestohlen werden.

Es klärt wieder auf, wie immer nach einem Gewitter, und jenseits des Grabens winkt mir La Vigie, die letzte Feuersäule Haitis. einen Gut-Nacht-Gruß ( auf -Kuss kann ich verzichten ). Ich kann ihn jetzt brauchen.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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