Recycling auf Haiti geht auch anders

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Datum: 08. November 2009
Uhrzeit: 02:38 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Katze-1An der steilen Straße von Port-au-Prince hinauf nach Pétion-Ville tummeln sich Andenken-Verkäufer und Künstler, denn da hinauf geht es zu den Residenzen der hohen Herren, der Botschafter, der Prominenten, der Betuchten, der Auch-Haitianer, den Hotels der Touristen bzw. Prominenten-Gaffer. Da stellen Töpfer, Metallkünstler, Holzbildhauer und andere aus der Gattung ihre Werke feil.

Von den Wurzelschnitzern, den Malern, den Sprayern der Wandzeitungen habe ich schon erzählt. Heute sind die Metallkünstler an der Reihe, meist könnte man auch sagen: die Recycler. Denn nicht alle Abfälle landen auf der Straße, oder mit Glück daneben, oder im Meer oder in den Flüssen. Nein, besonders metallene Abfälle sind Rohmaterial für die Künstler und erwachen unter ihren geschickten Händen zu neuem Leben, ja vielleicht erstmals zu wirklichem Leben. Die Kunsthandwerker arbeiten mit Metall von alten Ölfässern und anderen Abfällen.

Es entstehen Reliefbilder und Spiegelrahmen, bunte Serviettenhalter und Haken für Küchentücher. Sie arbeiten genossenschaftlich oder im Familienrahmen.

Die Metall-Produkte sind farbenfroh wie die Menschen hier selbst. Es gibt aber auch die schwarzbemalten, rostfarbenen, roh- oder schmiedeeisernen Plastiken, oft in Lebensgröße. Sie dienen im Hausinnern und in Gärten als „eiserner Vorhang“ zur Raumtrennung, zur reinen Dekoration, und als magischer Schutz vor bösen Mächten. Sie werden ausschließlich in Handarbeit hergestellt und sind ein begehrter Exportartikel, etwa nach den USA, die so viel Kreativität erst importieren müssen.

Haiti ist auch das Land der Skulpturen. Die Figuren und Töpfereien gehen ebenso auf das Kulturgut der Taino-Indianer wie auf die Vévé-Kulturen zurück. In den 50er Jahren gründeten große Plastiker wie Lucien Price und Dieudonné Cédor das „Foyer Des Arts Plastiques“, das als Akademie plastischer Künste Weltruhm errang.

Berühmt wurden auch die Metallkreuze im Friedhof von Croix des Bouquets. Sie stammen von Georges Liautaud und Serge Jolimeau und wurden weltberühmt. Croix des Bouquets ist die Heimat weiterer berühmter Metallwerker, so John Sylvestres und der Gebrüder Louis Juste.

In der Hauptstadt wurde vor allem die Statue „Marron Inconnu“ von Albert Mangones bekannt. Unter den modernen Bildhauern muss unbedingt auch Jean Michel Basquiat erwähnt werden.

Die heimischen Probleme brachten es mit, dass immer mehr Kunstwerke durch ausgewanderte Künstler im Ausland entstanden, hier „Diaspora“ genannt. Doch allen gemeinsam sind die autodidaktische Entwicklung und eine unbeirrbare Eigenständigkeit ihrer Werke.

Haiti ist ein bitterarmes Land, doch die Menschen haben Freude am Leben, an Musik und an Farben. Sie bemalen ihre Skulpturen wie auch ihre Häuser oft bunt, für unsere Begriffe fast schreiend. Sie wissen was Leben und Überleben bedeutet und wollen davon profitieren solange es geht. Sie sind glücklich, wenn sie Abfälle und Altmetalle nochmals zum Leben erwecken können und ihnen das Ruhm und Anerkennung bringt. Manchmal sogar weltweit.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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