In Haiti grassiert die Anarchie: Die Anarchie des Staates

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Datum: 26. Juli 2010
Uhrzeit: 13:30 Uhr
Leserecho: 1 Kommentar
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Das Mahl, das da angerichtet wird, wird mit ganz großen Kellen angerichtet. Sinnvoll, alles auf Französisch anzuschreiben. Denn kreolisch lesen können die wenigsten. Und die Anschriften sind für die Fotografen, die Fotos für die Spenderländer, wo alle Menschen lesen können. Vorzeigeobjekte, wie so vieles, was mit den Spendengeldern geschieht. Nur so gibt es noch mehr Spenden, und NOCH mehr.

Hier waren es Lutheraner, es könnten andere sein. Hilfe für den Augenblick, die Betroffenen sind glücklich. Wie lange der Augenblick dauert, wie lange sie glücklich sind, weiß niemand. Lutheraner, wie lang kann Eure Kollekte Wassertransporte per Heli bezahlen? Und Millionenstädte unterhalten ohne dass Märkte bestehen? Oder wird die Kirche jetzt auch noch zum Grossverteiler? Da bleibt nur Hoffen und beten.

Die Kirchen schaffen kurzfristiges Glück, die anderen auch. Mit Betonung auf „kurzfristig“. Millionen haben ein trockenes Dach über dem Kopf, die Kinder spielen Blinde Kuh und die Medien verbreiten das „Glück“ auf ihre Art. Die schicken Schrifttafeln und die trinkwasserspeienden Helikopter runden das Bild. Sie gehören zum Rummel. Ich frage mich nur bange, und NACHHER? Wenn das Medieninteresse vorbei ist, wieder das Büsi, das in Argentinien von einem Traktor überfahren wurde, interessanter ist als die Überlebenden von Haiti (die Toten sind ja ohnehin vorüber)…

Da war einmal Kanada. Vor einigen Jahren sieben- (oder mehr-?) stellige Beträge investiert, um in Haiti „wieder“ ein „Rechtssystem“ zu etablieren, natürlich nach internationalen Gepflogenheiten oder „Normen“, aber immerhin. Alles kann man ja nicht, nicht einmal Kanada. Wenn ich da die eingeebneten Ländereien betrachte, die überfahrene Natur, dann staune ich. Ich weiß, dass man das mit den heutigen Maschinen fertigbringt, und dass die mit den geflossenen Spendengeldern finanzierbar sind. Aber wie mag es da mit den Bodenrechten stehen, mit den Ländereien, die sich Millionen von Diaspora-Haitianer im Ausland erspart und gekauft haben, für eine Zukunft im Rentenalter? Mit den eingetragenen Grundbuchrechten, deren Originale zum größten Teil auch verschwunden sind ? Die vorläufige Lösung wird heißen: „Massenenteignung von Landbesitzern im öffentlichen Interesse“. Hoffentlich haben die Kirchen, Hilfswerke, und all die übrigen Werkenden daran gedacht. Was kommt da auf die Gerichte noch zu?

Und da beklagen gewisse Hochschulen noch, dass Präsident und „Regierung“ für die Wahlen arbeite statt für die Überlebensprobleme des Volkes. Sollen denn diese Probleme durch eine illegale „Restregierung“ gelöst werden, oder durch Schulen im Ausland? War denn einer der Studenten überhaupt schon einmal hier? Oder leisten die zweierlei Arbeit zugleich, einmal für ihre Vorurteile, und einmal für die GTZ? Entschuldigung, manchmal gehen die Ideen mit einem einfach durch, in einem „Land“, wo man täglich so viele Verrücktheiten sieht.

Und was die Kirchen betrifft, die scheinen langsam aus dem Ruder zu laufen. Zuerst die Quäker, die dutzendweise Kinder aus dem Land schmuggeln wollten, um sie angeblich im östlichen Nachbarland an ein „Waisenhaus“ zu verkaufen. Und dann die haitianische Polizei herausfand, dass das gar keine Waisen waren. Und dann die Lutheraner, und viele andere, die expropriierten, Regierung spielten, großflächig „Millionenstädte“ schufen und fremdes Land verteilten, ohne das Land gekauft zu haben. Wenn mal Staat und Rechtssystem wieder einigermaßen bestehen, hier in Haiti, sind ja die Kirchen und die vielen anderen „Problemlöser“ längst weit weg und können nicht mehr belangt werden.

Ende Juli fand in der Nähe von Port-au-Prince die einwöchige Karibische Kirchenkonferenz statt, die von 1800 Geistlichen besucht wurde. Unter anderem beschlossen sie, 500 zerstörte Kirchen wieder aufzubauen. Ich finde den Beschluss nicht nur glücklich, weil damit auch die zu jeder Kirche zugehörige Schule wieder aufersteht, sondern weil diese gewaltige Hilfsaktion einmal nicht von ausländischen Besserwissern, sondern von einheimischen Kräften ausgeführt wird, die sich schon stets für kulturelle und soziale Belange verantwortlich fühlten. So lange werden die Gottesdienste allerdings noch in „Räumen“ ohne Dach gefeiert werden.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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  1. Der Nachweis das Quäker an Kindesentführung beteiligt waren steht noch aus. Bitte Quelle(n) nennen!! Die Wiederholung einer Behauptung macht sie noch nicht richtiger (http://latina-press.com/news/18497-kindersklaven-in-haiti-paedophile-und-paten/).

    Wie wäre es denn mal wenn der Autor(en) seinen Realnamen unter den Artikel setzt, um die Seriosität seines Textes zu unterstreichen?

    Wie wäre es denn, die Quaker mal direkt mit den Vorwürfen zu konfrontieren und um eine Stellungnahme zu bitten?

    Hier sind eure potenziellen Ansprechpartner:

    http://www.quaeker-stiftung.de/projekte/lateinamerika/index.html
    http://afsc.org/story/six-month-update-afsc-haiti

    Mit freundlichen Grüßen

    Olaf Radicke

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