Schlangen in Haiti wechseln das Hemd wie Männer die Frauen

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Datum: 24. November 2009
Uhrzeit: 14:06 Uhr
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Autor: Redaktion
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Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Schlangenhemd-3Ich habe eine linke weiße und eine rechte schwarze Hand, ich bin aber Rechtshänder. Die linke ist meine eigene, die rechte ist Melissa, eine Schwarze. Sie kommt seit fünf Jahren zweimal pro Woche heraus nach Gressier und erledigt mir was so anfällt, sie ist quasi meine Lebensversicherung. Sie schaut dass mir sauber und lecker gekocht wird, dass mein Garten ordentlich gejätet und bewässert wird und dass Teller und Haus sauber bleiben, auch die meiner Tiere. Sie sucht was ich verloren habe ( meine Spezialität ), sie sucht alle möglichen und unmöglichen Adressen, sie sucht geeignete Leute für Haus- und Garten, für Reparaturen am Mazda und am Computer, sie bringt mir was ich gerne mag: den Lieblingswein, den Bloody-Mary-Mix, den Roquefort und was sonst noch zu mir gehört und hier schwierig aufzutreiben ist – sie weiß besser als ich was ich so brauche. Ein waschechtes „Mädchen für alles“, nein, fast alles, denn berühren lässt sie sich nicht. Ihre Massagen sind rein physiotherapeutisch und helfen mir zum Jünger werden.

Sie hat kaum eine Ausbildung und keine Diplome, aber sie verstand es auf ihrem Weg alles abzugucken was sie von Nutzen fand, sie kontrolliert meinen Vitaminhaushalt und macht mir gelegentlich eine Injektion, sie chauffiert meinen Mazda mitten durch das Gewühl von Port-au-Prince, und sie weiß mit Computer und Internet umzugehen fast wie ich – obschon da doch alles fremdsprachig kommt und sie kaum Fremdsprachen spricht. Aber „es kommt“ ja immer mehr Spanisch auf dem Screen, und ich spreche ja auch kein Spanisch… Neuerdings kontrolliert sie mir Google-Codes und generiert neue, wenn nötig, sie flickt tote Links und bastelt an einer ausgerasteten Satellitenverbindung.

Neuerdings titelt sie sogar meine Storys. Sie war dabei, als wir das Natternhemd im Garten entdeckten, und musste herzhaft lachen, als sie meine Idee hörte, eine Kolumne darüber zu schreiben. Spontan lieferte sie mir den Titel dazu: hier sage man, „Schlangen wechseln das Hemd wie Männer die Frauen“. Als ich sie fragte, ob diese Männererfahrung ihre eigene sei, erschallte das zweite Lachen. Die Frage war nur rhetorisch, denn ich wusste zugut, dass sie mit Mystal verheiratet ist und viel von Treue hält. Er ist ein Roter; hellhäutige Mischlinge und brauner Reis werden hier „rot“ genannt. Von ihm stammen ihre vier Kinder: Yandie ( 12 ), Mitou ( 9 ), Dgja ( 7 ) und Aude ( 3 ), auch rot. Von Aude bin ich der Götti. Mystal kennt sie von Jugend an, als sie in einer Bauernfamilie in den Bergen von Tsavo aufwuchs. Mystal war der einzige Mann ähnlichen Alters in der Umgebung; der Nachbar wohnte etwa auf gleicher Höhe auf dem nächsten Berg, getrennt durch eine tiefe Klamm. Es mochte eine Fuß Stunde dauern, hinüber zu klettern. Sie war und ist immer noch ein burschikoses Mädchen: sie kletterte gern auf die höchsten Bäume und siegte bei den Pferderennen ohne Sattel.

Man sagt, die Indianer seien ausgerottet auf dieser Insel. Ich glaube das nicht. Wenn auch Sarawaken, Tainos und wie sie noch heißen nur noch im Geschichtsbuch bekannt sind, so kann ich doch – als alter Afrikakenner – gut unterscheiden zwischen afrikanischen und indianischen Verhaltens-, Gebräuchen und Lebensformen. Viele Bekannte hier leben „Indianischer“, als ich es einst in der Uni-Ethnologie gelernt hatte. Auch Melissa ist für mich eine „Indianerin“. Und ein unbegreifliches Naturtalent, wie ich solche von Afrika her kenne. Auch in Haiti könnte ich ein Lied davon singen.

Ich hatte schon in einer Fernsehsendung über die Naturtalente erzählt, die man in Entwicklungsländern antrifft. So wie beim Durchqueren eines Lavafeldes in der Sahara der Benzintank aufgeschlitzt wurde und die Eingeborenen mit Felsbrocken auf dem Tank herumschlugen und ihn „abdichteten“, bis wir weiterfahren konnten. Oder wie wir, ebenfalls beim Durchqueren eines Lavafeldes, mehrmals mit aufgerissenen Reifen incl. Ersatzreifen stecken blieben und die Afrikaner die Reifen mit Kraut ausstopften damit wir weiterholpern konnten. Oder wie ein gebrochenes Drosselklappen-Hebelchen mit zusammengesuchten Drähten verstärkt und funktionsfähig gemacht wurde. Oder wie ein verlorener Zündschlüssel von Afro-Schmieden an Riesen-Blasbälgen neu geschaffen wurde, bis er ins Zündschloss eingesteckt werden konnte und – funktionierte. Alles unglaubliche Wahrheiten.

Doch ich wollte eigentlich vom Schlangenhemd schreiben, das wir unten im Garten entdeckt hatten. Schlangen gehören zu meinen Lieblingstieren. In meiner Schweizer Jugend pflegte ich stets mehrere von ihnen zu halten, in großen Terrarien. Deshalb hatte ich oft mit „Natternhemden“ zu tun, wie man dort die Häute zu nennen pflegt. Ein paar Tage vor der Häutung löst sich die alte Schwarte, die auch die Augen überzieht. Die Augen werden deshalb für ein paar Tage milchig weiß, das Tier ist dann noch blinder als sonst, dann geht der Striptease los. Schlangenkörper wachsen, wenn ihnen die Haut zu eng wird. Dann suchen sie sich knorrige Wurzeln wie hier im Garten, reiben ihre Nase daran bis die Hülle aufspringt und reiben und zwängen sich durch Hindernisse. Sie stülpen das Hemd um wie einen letzten Strumpf, darunter liegt schon das farbenprächtige und weiche neue T-Shirt, und das Tier kann wachsen, bis die neue Haut auch wieder hart wird. Das alte Schlangenleibchen bleibt dann in der Natur liegen und sorgt für graulende Storys abergläubischer Finder.

Bei uns bekam keiner Hühnerhaut, ich freute mich ob diesem neuen Beweis dass in meinem Garten Riesenschlangen leben und bat meine Getreuen inständig um Schonung, falls sie jemals eine zu Gesicht bekämen.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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