Bouki und Timalis: Auch in Haiti gibt es Trolle

Bouki

Datum: 17. September 2010
Uhrzeit: 13:32 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Ein Leser hat angeregt, in Haiti vermehrt nach etwas lustigem Ausschau zu halten, denn Trauriges gibt es schon genug. Und mein Ziel ist es ja, meine Leser und Leserinnen trotz allem etwas zum Schmunzeln zu bringen. Das dürfen wir nicht verlernen, das hilft heilen und es ist besser als Weinen. Ich werde Ihnen deshalb eine Geschichte von Bouki und Timalis erzählen, so wie es hier geschehen könnte.

Bouki und Timalis sind jedem bekannt. Über die beiden erzählt man sich unzählige Lach- und Schauergeschichten. Solche aus Büchern, von Filmen, von der Urgroßmutter, oder selbst erfundene. Der kleine dicke Timalis ist der Protoptyp des Schlauen, Überlegenen, der Probleme stets wie gordische Knoten oder Eier des Kolumbus löst, der langgewachsene, geistig eher schwerfällige Bouki hat stets das Nachsehen. Timalis wird denn auch von Bouki gerne als Vorbild zitiert, aber wie das bei so einer komischen Geschichte programmiert ist, kommt es meist gerade falsch heraus.

Bouki und Timalis sind zwei lebende Legenden, zwei haïtianische Witz-, Kinderbuch- und Filmfiguren, Comics und volksverwurzelte Sinnbilder wie etwa drüben Dick und Doof. Ti Malis heisst eigentlich „Kleiner Malis“, eine Vorsilbe die bei Kleinwüchsigen allgemein üblich ist. Malis ist aber schlau, bei uns drüben würde man sagen „Klein aber Oho!“.

Bouki und Timalis sind Bauern und leben draußen auf dem Land. Zwischen den Bananenbäumen pflanzen sie einige Knollengemüse wie Maniok und Kartoffeln, und jeder hat eine Kuh oder einen Ochsen. Die tragen keine Halsbänder und Glocken wie bei uns, aber sie schleppen stattdessen ein Seil dessen eines Ende um den Hals gebunden ist. Mit dem anderen Ende lassen sie sich bequem einfangen, wenn das einmal nötig ist. Zum Beispiel vor dem Neujahrsfest, denn gibt es ein herrliches Fleischgericht, das natürlich mit den Nachbarn geteilt wird.

Bouki und Timalis hatten jeder einen Ochsen. Sie kamen überein, dass dieses Neujahr derjenige von Timalis geschlachtet werde. Alle freuten sich auf das Fest, und an Trommelmusik und wilden Gesängen fehlte es nicht. Das dauerte so drei Tage, dann ging es wieder an die normale Arbeit. Der zerteilte Ochse von Malis wollte nicht enden. Fast das ganze Jahr lang kamen die Nachbarn zu ihm, brachten ihm Getränke, holten sich Fleischhappen und sorgten für Stimmung und Gesang.

Vor dem nächsten Fest wurde der Ochse Boukis getötet. Man festete wieder, drei Tage und drei Nächte lang, sang und trank, und die Nachbarn holten sich ihre Fleischhappen. Nur war nach dem Ende des Fests kein Fleisch mehr vorhanden, ein übrig gebliebener Rest war verdorben. Ein ganzes Jahr lang gab es kein Fleisch mehr, und auch die Fester mit den Nachbarn liefen aus. Bouki begriff die Welt nicht mehr. Wie hatte das Timalis wohl fertiggebracht? Also fragte er ihn kurzerhand:

„Ganz einfach, ich habe das Fleisch durch Räuchern und Salzen vor Verderb geschützt und jeden Tag ein Stück meinen Nachbarn weitergegeben. Wir haben uns eingeteilt. Als mein Ochse aufgezehrt war, machte ein Nachbar nach dem andern das Gleiche, und so war immer Fleisch für alle unterwegs. Wenn Du mit uns mitgemacht hättest, müsstest auch Du jetzt nicht hungern.“

„Aha“ sagte Bouki nur, und machte ein langes Gesicht. Aber von jetzt an war auch er bei jedem Festmahl dabei. Und auch er und sein Ochse waren nun glücklich.

In Trümmern zu leben ist grau, besonders für Kühe und Ochsen. Um das zu ändern, braucht es nicht viel. Um einen Ochsen glücklich zu machen reicht eine grüne Wiese. Also her mit Bouki und Timalis, die beiden machen aus jeder grauen Fläche eine grüne. Ein gebildeter Mensch ist noch anspruchsvoller; er bedarf noch einiger farbiger Tupfer, einiger Blumen in der Wiese. Sie blühen mindestens an einem Tag und strahlen dann ihre ganze Schönheit aus. Schönheit, aus der wieder etwas Neues entsteht. Dann beginnt schon das Verwelken, und die Welle beginnt von neuem.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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