Haiti verwandelt sich in einen gefährlichen Hexenkessel

Blauhelme

Datum: 17. November 2010
Uhrzeit: 19:39 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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„Versammeln wir uns zur Mobilisierung gegen MINUSTAH UND CHOLERA. Es ist bekannt, dass die UNO-Truppen die Seuche gebracht haben, für Morde und Vergewaltigungen und unzählige Erpressungen schuld sind, und jetzt bringen sie uns noch die Cholera. 1110 Tote, über 18’000 in den Spitälern, wir sagen jetzt ist es genug. Es ist Zeit sich davor zu stellen.“ So tönte es aus Megaphonen und Flugblättern sowie Internet-Seiten von politischen Organisationen wie MODEP, Batay ouvriye, Tèt Kole, PEVEP, CATH, KRD, Kowalisyon, Inivèsite Popilè, FRAKKA, GREPS, MODJE òganizasyon und anderen. All diese Organisationen haben sich zusammengerottet um sich gegen das Doppelgespenst MINUSTAH UND CHOLERA zu manifestieren.

Schon gleichentags, Montag 15.November, wurden In Cap-Haïtien, der zweitgrößten Stadt des Landes, Polizei- und Minustah-Stationen eingeäschert, die Polizisten mussten sich unter Lebensgefahr ins Meer stürzen ! Der Flughafen ist blockiert, rund ums Flughafengelände sind Tausende von Soldaten postiert, die von Tränengasgranaten ausgiebig Gebrauch machen. Es regieren Panik und Gewalt.

Demolieren von Staatseigentum ist keine Lösung. Das müssen die lautstarken Minderheiten in Haiti einfach noch lernen. Und Erpressen einer Armee auch nicht, und einer UNO-Armee schon gar nicht. Erst noch von der Weltgemeinde detachiert hat um zu helfen, mit vielen Geldgeschenken notabene, Recht und Sicherheit durchzusetzen, um ein Klima des Friedens und der Ruhe zu gewährleisten, der Grundvoraussetzung für jede Entwicklung. Die möchten noch die ganze Welt erpressen, mit der UNO geht das wohl nicht.

Aber bitte sagen Sie denen nicht „Haitianer“, es sind die Lautstarken, die Schreier, die Minderheiten, die hier halt noch lauter schreien als anderswo, denn sie haben Feuer in den Adern. Und die dem einfachen, friedlichen Volk das Leben vergällen, das nur essen, arbeiten, lernen-sich entwickeln möchte. Sie haben eben andere Vorstellungen von Entwicklung, politische, möchten wohl sogar Präsident werden, und sich bereichern, daran hängt es. Also muss man sprechen, links rein, rechts wieder raus? Wie gehabt? Keine Gewalt ? Die gibt es doch erst, wenn’s überbordet. Wenn Leben getötet, sogar unbeteiligtes, Staatseigentum demoliert wird, das ein Nachbar soeben gespendet hat. Die Macht ist ein Drohmittel, das in der Regel, und hoffentlich, gar nicht eingesetzt werden muss. Eine Feuerwehr, die auf keinen Brandfall hofft. Aber sie muss trotzdem da sein, geschult und gerüstet.

Ich steche da natürlich in ein Wespennest, riskiere als alter Militärkopf verschrien zu werden, das weiß ich. Denn nirgends scheiden sich die Geister so wie an diesem Thema. Also die Radaubrüder zwangen die Blauhelme, Schusswaffen und Tränengas einzusetzen, wie wenn es nicht schon genug Tränen gäbe im Tränenland, und wie wenn es die Radaubrüder nicht überall gäbe. Ich pflege ja auch über die Welt zu schnöden, die keine Werte kenne als Geld und Gewalt. Und bin im Prinzip auch gegen den Einsatz von Gewalt,

Indessen sind Tote und Verletzte zu beklagen. Die Manifestanten beschuldigen die Blauhelme, die Cholera nach Haiti eingeschleppt zu haben. Der Prügelei richtet sich auch gegen die liederliche Handlungsweise der Regierung. Die UNO hat eingestanden, in Selbstverteidigung ein Opfer verursacht zu haben. Der getötete Demonstrant sei bewaffnet gewesen und hätte auf das Militär gefeuert, das gerade Tränengasgranaten eingesetzt habe. In der chilenischen MINUSTAH-Basis von Quartier-Morin, ebenfalls vor Cap-Haïtien, wurde die Leiche eines 20jährigen Demonstranten geborgen. Zuerst hätten die Chilenen in die Luft geschossen, um die Demonstration aufzulösen, später hätten sie das Schussniveau auf Kopfhöhe hinaufgesetzt, so berichtet der Friedensrichter der den Tod des jungen Mannes bestätigte. Er erklärte, der Tod des Manifestanten sei durch einen Rückenschuss erfolgt, und die Panzer der UNO seien mit Steinen beworfen worden. Auch vor dem Hauptquartier der UNO in Hinche hätten Hunderte von Haitianern demonstriert und Steine gegen nepalesische Soldaten geworfen. Nach Gerüchten hätten sie die Todesseuche eingeschleppt und seien am Tod von bisher 1100 Bürgern und der Hospitalisierung von 18’000 Personen schuld. Die Polizei hat gestern von 14 Schussverletzten gesprochen, wovon einige in Lebensgefahr, die MINUSTAH meldet 6 Verletzte in den eigenen Reihen.

Die Art der Demonstrationen lasse darauf schließen, dass diese angesichts des laufenden Wahlkampfes politisch motiviert seien, hieß es in einer Erklärung der UNO. Die MINUSTAH forderte die Haitianer auf, sich nicht manipulieren zu lassen „und die Demokratie nicht zu gefährden“. Der haitianische Gewerkschafter Eddy Lucien teilt diese Position nicht. „Es wird bei solchen Protesten immer wieder behauptet, dass obskure Interessen dahinter stehen“, sagte er am heutigen Dienstag während eines Besuches in Berlin. Luciens Meinung nach setzen die jüngsten Demonstrationen eine Reihe von Protesten in Haiti fort. Dafür gebe es drei Gründe: „Die Verschlechterung der sozialen Lage, auch unter der MINUSTAH, der Kampf gegen die Besatzung durch ausländische Militärs und die Befürchtung, dass die UNO-Soldaten die tödliche Cholera nach Haiti eingeschleppt hätten“, so Lucien im Gespräch mit Amerika21.de. Die MINUSTAH ist seit 2004 in Haiti stationiert. Ihre Truppenstärke wurde immer wieder aufgestockt. Bis dato sind rund 13.000 Soldaten und Polizisten im Einsatz, und die Aufstockung um weitere 3’500 Mann ist im Gange.

Ein neues Flugblatt war dem Sicherheitsrat genug. Darin steht unter anderem „Donnerstag 18. Nov 9 Uhr versammeln wir uns vor dem Gesundheitsministerium in der St-Honoréstrasse neben dem Unispital. Wir werden von dort aus gegen die MINUSTAH und die Cholera manifestieren. Wir verlangen den Abzug der MINUSTAH und Entschädigung für jedes Cholera-Opfer. Wir verlangen von den Behörden ebenfalls, all die Obdachlosen aus den Zelten zu evakuieren damit uns die Cholera und weitere Zyklone nicht umbringen. Versammeln wir uns unter dem Motto Minustah weg, Cholera weg!“ Der UN-Sicherheitsrat lässt sich nicht lumpen. Er hat die folgerichtige Antwort gegeben und beschloss einstimmig, weitere 3’500 Mann, nämlich 2000 Blauhelme und 1500 Polizisten nach Haiti zu schicken. Die folgerichtige Antwort auf die Erpressung durch die haitianischen Chaoten, die UNO-Soldaten müssten abziehen. Eine Armee, die sich erpressen lässt, wäre keine Armee. Und schon gar keine Welt-Armee. Die neuen Soldaten sind wohl schon da, am Tag der Grossdemonstrationen gegen sie. Ich habe gestern Abend auffallend viele Flugzeugbewegungen beobachtet, ich sehe ja direkt auf den Airport hinunter. Schon einmal wusste der UN-General nicht mehr weiter als sich umzubringen, wie schon sein Vorvorgänger, der erste König von Haiti. Ich wäre nicht erstaunt, wenn es bald wieder so weit kommen müsste, ich beneide ihn jedenfalls nicht.

Und inmitten des unglaublichen Tohawobohus von Feuer, Gas, Bazillen und Zielkonflikten sterben täglich Cholera-Opfer und Streithähne, die sich im Wahlkampf ereifern, der ja eigentlich eine Lösung bringen müsste, aber niemals könnte. Nach zahlreichen Medienberichten ist die Situation gefährlicher als bei den Unruhen um Präsident Jean Bertrand Aristide oder Mouvement 86, als Baby Doc gestürzt und verjagt wurde. Man verlangt den Abzug der UNO-Truppen UND die Abdankung des Präsidenten. Und dies mitten in den demokratischen Wahlen !

Die Nationalpolizei PNH macht bisher nicht mit. Sie steht in einem Zielkonflikt, ist im Grunde wohl auch auf Seiten des Volkes für einen Abzug der Truppen. Umgekehrt sind sie für Ruhe und Ordnung zuständig und müssen Schlägereien und Menschenansammlungen verhindern, schon aus medizinischen Gründen. Und ohne mich in die Politik einzumischen, müsste ich eher sagen: Menschen, seid doch vernünftig und geht diesmal am Donnerstag nicht an die Demonstration, einen sichereren Ansteckungsort als diese Menschenansammlung gibt es wohl nicht! Derweil breitet sich die Cholera rasend schnell weiter aus und gewinnt auch Terrain um Cap-Haitien, die zweitgrößte Stadt des Landes verwandelt sich in einen gefährlichen Hexenkessel.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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