Haiti: Sehnsucht nach der Diktatur

duvaliers

Datum: 25. Januar 2011
Uhrzeit: 03:13 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Als François Duvalier 1971 verschied, erkannte sein Sohn den Mangel der Verfassung, dass fünf Jahre Amtsdauer für einen Präsidenten zu kurz seien, und erklärte sich gleich als „Präsident auf Lebenszeit“. Er erfreute sich einer unumschränkten Schützenhilfe aus den USA und bewirkte ein investitionsfreundliches Klima, eine Steuerinsel, ein Verbot für Verbrecherorganisation und Vertriebskartelle, für Mafia- und Schattenreiche, den Schutz der Hungerlöhne und die Eliminierung aller Rückführungen von Gewinnen. Es war zugleich Überraschung, Unverständnis, Empörung und auch Neugier und Schwärmerei, als Baby Doc letzten Montag nach 25 Jahren Exil unverhofft heimatlichen Boden betrat. Eskortiert von Staatspolizei und MINUSTAH begab er sich nach dem wohlbetuchten Vorort Pétion-Ville ins Hotel Karibe, Die Begleiter hatten nur den Auftrag, den Gast im Flughafen zu schützen, besorgten dies aber übereifrig gleich bis ins Hotel – dafür werden sie jetzt entlassen.

Überraschung oder Kalkül? Gemäß den Berichten haben sowohl die haitianischen wie auch die französischen Stellen erst Stunden vor der Ankunft davon erfahren. Sicher ist jedoch, dass zu viele Leute im Bild waren. Sogar die Sprayer waren besser im Bild als Regierungen & Co. Denn schon seit längerem wünschten die Graffiti der Sprayer auf allen Mauern «Bon retour JC Duvalier» (Willkommen JC Duvalier).

Sein Wunsch in die Heimat zurückzukommen, die er mit eiserner Faust geführt hat, kann nicht von gestern sein. 2004, am Tag nach der von den USA, Frankreich und Kanada orchestrierten Entführung des populären gewählten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide, hat Baby Doc im Miami Herald erklärt: „Ich glaube, dass bald Gelegenheit kommt, in mein Land zurückzukehren“. In diesem Artikel hat Baby auch erklärt, seinen Wunsch nach Rückkehr habe er seit Ende 1990 ausgedrückt. Dabei beteuerte er, er halte Kontakt mit seinen Leuten zuhause, ohne Einzelheiten zu nennen.

Eine interessante Einzelheit ist jedoch, dass sein Diplomatenpass 2005 unter Präsident Boniface Alexandre und Premierminister Gérard Latortue ausgestellt wurde, dem nachmaligen Chef der UNO-Organisation für Industrielle Entwicklung (Organisation des Nations Unies pour le développement industriel ONUDI) und 1988 Aussenminister unter Präsident Manigat, Ehemann der jetzigen Präsidentschaftsfavoritin.

Die Rückkehr platzt mitten in die politische Krise. Es stellen sich 2 Fragen zu dieser unerwarteten Rückkehr: Wie konnte er zurückkehren, und warum ist er zurückgekehrt?

Laut dem französischen Botschafter, Didier Le Bret, war am 21.Dezember 2010 sein Diplomatenpass erloschen. Sowohl die haitianischen wie die französischen Gesetze sehen keine Hindernisse vor für einen Rückkehrer in die Heimat, auch wenn seine Aufenthaltsbewilligung abgelaufen ist. Er fügte bei, wenn man Paris mit Ziel Port-au-Prince verlasse, verlasse man Frankreich nicht. Man durchquere das metropolitane Frankreich und begebe sich in die französischen Antillen. Diese einfache Reise sei schon mit einer gewöhnlichen Identitätskarte oder mit einer Aufenthaltsbewilligung möglich.

Im Miami Herald versichert er im Gegenteil, Jean-Claude sei kein fremder Staatsangehöriger, sondern ein gewöhnlicher französischer Bürger, der frei sei zu machen was ihm beliebe. Bezüglich dieser Bemerkung bemerkt Jean Saint-Vil, ein Experte der haitianischen Geschichte, ob Duvalier wirklich ein französischer Bürger sei oder ob der Botschafter einen simplen Fehler mache. Didier Le Bret betont, es handle sich um kein Komplott. Zweifellos. Wenn er trotz aller Schlechtigkeiten deren man ihn bezichtigt, Duvalier 25 Jahre lang im Hexagon leben konnte ohne dass die französischen Behörden seine Anwesenheit bemerkten, warum ist denn heute die Situation eine andere? Michaëlle Jean, die Botschafterin Haitis bei der UNESCO, fragt sich ihrerseits, wie er nach Haiti zurückkehren konnte wie ein gewöhnlicher, unbelasteter Bürger?

Kurz, die Fragen zu dieser Reise häufen sich, wie auch zu ihren Gründen. „Ich bin gekommen um zu helfen“, erklärte der angeschuldigte Ankömmling, angeklagt der Missachtung der Menschenrechte und der Aushöhlung des Staatseigentums, um während seines Exils an der Côte d’Azur einen lukullischen Lebensstil zu führen, ohne je von den französischen Behörden belästigt worden zu sein. Nach anderen Quellen habe ihn diese Verbannung ruiniert, was vielleicht der wahre Grund seiner Rückkehr sein könnte.

Henri Robert Sterlin, Botschafter Haitis in Frankreich unter Duvalier, erklärte seinerseits: „Wir sind es, seine Freunde, die ihn gebeten haben, zurückzukommen weil wir ihn sehen wollten.“ Tags darauf versicherte er, diese Rückkehr könnte die Planung einer neuen Präsidentenwahl provozieren.

Andere, unter ihnen Evans Paul, erklärter Gegner Präsident Prévals, haben diesen beschuldigt, diese Reise eingefädelt zu haben, um von der eigenen politischen Krise abzulenken und von den wütenden illegalen Wahlen abzulenken, die zum größten Teil durch die USA, Frankreich und Kanada finanziert wurden. Es gibt vielleicht tatsächlich Täuschungsmanöver, aber ganz sicher kriselt es im Wahlprozess gewaltig.

Das erklärt sich zuerst durch den illegalen Ausschluss der größten und populärsten Partei des Landes, der Fanmi Lavalas (FL) von den Wahlen. Es sei daran erinnert, dass es unter deren Bannern war, dass Aristide im Jahre 2000 mit einer imposanten Mehrheit von 75% (2.632.534 Stimmen von 3.668.049 Wählern) gewählt wurde. Der Entscheid des Wahlrats, Fanmi Lavalas von den Wahlen auszuschließen, hat sich in der schwachen Wahlbeteiligung von 23% am 28. November 2010 gezeigt. Trotzdem, dieser entscheidende Grund der politischen Krise wird in den großen Medien meistens verschwiegen.

Durch die Medien einfach übergangen wurde am Wahltag auch eine Sitzung der Kerngruppe, eine Konferenz der Geberländer, der UNO und der OEA. Diplomaten hätten Präsident Préval empfohlen, das Land zu verlassen, er möchte nach einem geeigneten Flug Ausschau halten.

Ricardo Seitenfus von der OEA war über die Enthüllungen schockiert und hat darüber mit BBC Brasilien diskutiert. Kurz darauf wurde er seiner Funktionen enthoben. Andererseits erhoben sich von verschiedenen Seiten Betrugsvorwürde hinsichtlich der Wahlergebnisse vom 28. November. Nach der Überprüfung der Resultate hat die OEA empfohlen, den Schützling von Préval, Jude Célestin, als Kandidaten auszuschließen und ihn durch den Sänger Michel Martelly, alias « Sweet Mickey », zu ersetzen, der an einer kürzlichen Pressekonferenz von « Sehnsucht nach Papa Doc» gesprochen habe. Der Botschafter der USA, Kenneth Merten, habe darauf erklärt dass die amerikanische Regierung Bericht und Empfehlungen der OEA voll unterstütze.

In diesem politischen Kontext der Unsicherheit und in Erwartung der Millionen versprochener Dollars für den Wiederaufbau ist die Auferstehung des alten Diktators zu sehen, von dem man behauptet er sei ruiniert. Wenn alle Papiermedien den Tyrannen relativ wahrheitsgetreu porträtiert haben, haben sie alle die bedeutende Unterstützung vom Ausland her nicht erwähnt. Es genügt zu erwähnen dass der Einfluss der ausländischen Mächte auf Haiti sich besonders während der Diktatur Duvaliers (1957-1986) verstärkt hat. 1967 gab es im Land noch 7 ausländische Unternehmungen, 12 Jahre Später zählte man deren 70, und 1986 waren es deren mehr als 300.

Auch Frankreich hat die Diktatur Duvaliers unterstützt, um ihn anschließend ein Vierteljahrhundert Zuflucht zu gewähren. Während der ganzen Zeit behauptete es, seinen Wohnort nicht zu kennen. Frankreich schlug ihn auch als Führer Haitis nach dem Putsch von 2004 vor, als Aristide vertrieben wurde.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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