Haiti: Cholera und kein Ende

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Datum: 05. November 2010
Uhrzeit: 21:03 Uhr
Leserecho: 3 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
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Nach einer Lesermitteilung hat sich das Interesse der europäischen Berichterstattung über die Cholera in Haiti abgeschwächt. Die Dame schließt daraus, leider zu Unrecht, auch die Seuche sei am Abflauen und erkundigt sich über den wirklichen Stand.

Seit über hundert Jahren gab es keine Cholera mehr in Haiti, so besteht keinerlei Immunität gegenüber dieser Krankheit, und zudem ist die Trinkwasserversorgung, die Wasserqualität und die Sauberkeit sehr schlecht.

Zudem ist die Cholera eine der ansteckendsten Krankheiten die man kennt. Die Übertragung funktioniert meist über Fäkalien und Erbrochenes. Ein Kranker der in eine andere Stadt reist kann die ganze Stadt anstecken. Port-au-Prince ist ein besonders gefährdetes Ziel der Ansteckung wegen der Übervölkerung und der schlechten sanitären Verhältnisse und Trinkwasserqualität. Es ist Regenzeit, und die riesigen Flüchtlingslager in der Umgebung der Stadt beherbergen hunderttausende von Menschen unter offenen Tüchern in kupiertem Gelände oder im Häuserschutt. Diese Lager sind schrecklicher als alle ehemaligen Bidonvilles die man kennt.

Ein fluchbeladenes Jahr geht in Haiti dem Ende entgegen, Nachdem am 12.Januar das Erdbeben die Insel heimgesucht hat, wird diese zur Zeit von der Cholera bedroht, wegen der schlechten Trinkwasserqualität. Bereits müssen über 440 Todesopfer und 10’000 Angesteckte beklagt werden. Die Zahl der täglichen Neuangesteckten hat sich auf 6 Tote alle 24 Stunden reduziert, ein fragwürdiger „Erfolg“. Danach scheint sich die Ausbreitung der Seuche zu verlangsamen, im Zentrum und der Hauptstadt ist der Höhepunkt jedoch noch keineswegs erreicht. Die UNO befürchtet eine volksweite Epidemie. Die Behörden sind an der Ausarbeitung eines Not- und Katastrophenprogramms. Eine Psychose hat breite Bevölkerungsschichten erfasst; Die Regierung versucht die Bevölkerung zu beruhigen. Mit Placebo-Pillchen, möchte ich fast sagen.

Marie Michèle Rey vom Außenministerium kauft den Zuständigen ab, dass sie die Krankheit bis auf weiteres „im Griff halten“. Regierung und humanitäre Organisationen befürchten eine negative Propaganda speziell in den immensen Zeltlagern in der Hauptstadt und deren Umgebung. Montagnachmittag fand im Gesundheitsministerium eine Konferenz dieser Institutionen statt, zum Thema, wie man die Seuche am besten stoppen könnte. Immerhin sind in der Hauptstadt erst fünf Todesfälle aufgetreten. Menschen, die einst alle aus der Region des Artibonite stammen sollten, aber das Risiko einer weiteren Verbreitung im Gebiet der Hauptstadt mit den riesigen Flüchtlingslagern ist enorm.

Die wichtigste Frage von Regierung und ONG’s ist nach wie vor wie weit sich die Seuche noch ausbreiten wird. Wie alle wissen, geht das blitzschnell. Es gibt auch unerklärliche Fälle im ganzen Land, speziell im Süden. Es ist schwierig, Schätzungen abzugeben, aber Ansteckungen könnten sich noch x-tausendmal wiederholen und viele Jahre dauern. Anderseits hat sich die Sterblichkeit der Seuche etwas vermindert; Freitagabend gab es auf 3000 Ansteckungen noch 442 Tote, also „nicht einmal“ zehn Prozent. Die Sterblichkeit ist zart am Abklingen; sie hat sich auf 7,7% verringert. Die Weltgesundheitsorganisation OMS ist damit nicht zufrieden, sie toleriert nur eine Mortalität von 1%“.

Der Erfolg des Feldzugs gegen die Epidemie hängt vor allem von der hermetischen Abtrennung der Kranken ab. Das Ministerium arbeitet an der Bestimmung geeigneter Örtlichkeiten, an denen Spitalzeltlager für Erkrankte aufgestellt werden können. Auch das Zusammenfalten der Zelte für Dislokationen in die Absonderungslager stellt ein erhebliches Risiko dar und muss in Verein mit den sanitären Behörden vorgenommen werden. Die neuen Lagerorte werden vom Gesundheitsministerium angewiesen. Dann erst werden die Medikamente beschafft. Wir versuchen, uns mit den internationalen und nationalen Spendern abzusprechen und zu koordinieren,so auch mit den Hilfs- und Entwicklungskräften.

Der Staat verfügt nur über wenig Mittel, aber die Behörden machen das Möglichste und bewirken eine Gemeindemobilmachung und eine Sensibilisierungskampagne. Sie helfen auch nach Möglichkeit in der Beschickung mit medizinischem Fachpersonal, denn auch dieses wurde durch die Erdbebenkatastrophe dezimiert, vor allem hinsichtlich qualifizierten Spezialisten. Gewisse Nichtregierungsorganisationen haben schon einige Behandlungszentren errichtet. Agenturen, die Verbände des Internationalen Roten Kreuzes, wie Ärzte ohne Grenzen, Ärzte der Welt und all die andern medizinischen ONG’s sind in der Hitze des Gefechts. Das Ministerium und geeignete Organisationen sind bereits an Ort, wo die ersten Ansteckungen in andern Departementen aufgetreten sind.

Im Artibonite werden Sanitätsbehörden und Gesundheitspersonal mit einem wachsenden Zustrom schwieriger Fälle konfrontiert. Es bestehen dort und auch in der Hauptstadt schon verschiedene Behandlungszentren, und täglich entstehen neue.

Das erste Problem ist, dass die Bevölkerung hier solchen Seuchen hilflos ausgeliefert ist, im Gegensatz zu den Menschen der meisten anderen Entwicklungsländer. Ein wichtiges Kapitel ist die zunehmende Psychose, die das Land verstört. Innerhalb des Volkes ist deshalb die Angst weit verbreitet, sie ist nicht vorbereitet auf solche Krankheiten zu reagieren. Selbst wir haben nach dem Beben nicht mit solchen Risikofaktoren gerechnet.

Mittels modernster Werbemethoden wird die Bevölkerung zum Händewaschen gedrillt, zum Unterscheiden von Trinkwasser und anderen Wässern erzogen und zum Besuch der Behandlungszentren angespornt. Es findet eine regelrechte Generalmobilmachung der Bevölkerung statt, die solche Krankheiten eben nicht gewohnt ist, aber durch das Erdbeben immerhin gelernt hat, dass Zusammenarbeit mit Hilfswerken und Behörden sowie Koordination wichtig sind.

Mit den beschriebenen Hygienemaßnahmen, Händewaschen, sauberes oder gekochtes Wasser verwenden, Lebensmittel schälen, Ausgüsse besonders Latrinen chlorieren sollten sich Ansteckungen minimieren lassen. Wenn doch solche vorkommen, ist die Behandlung trotzdem sehr einfach. Die Cholera erzeugt Durchfall und Erbrechen, der Wasserverlust ist groß und kann ohne weiteres zehn Liter im Tag erreichen. Man muss dem Körper die viele, verlorene Feuchtigkeit wieder zuführen. Man trinkt so viel wie möglich, sauberes Wasser oder noch besser eine Kochsalz-Lösung. Luxuriöser ist schon eine Lösung von zwei Fläschchen Cola mit drei Suppenlöffeln Zucker und einem Kaffeelöffel Salz. Und wann alles nichts hilft, bleibt immer noch das medizinischer Mittel einer Infusion, und selten braucht es eine zusätzliche antibiotische Behandlung. In den Zentren sind genügend Hilfsmittel und Vorräte vorhanden, das Problem ist eher die genügend rasche Aufklärung.

Der Höhepunkt der Cholera ist in Haiti noch nicht erreicht, die Gauss’sche Kurve verläuft sehr flach, asymmetrisch besonders nach hinten, und das kann jahrelang dauern. Tut mir echt leid. Doch dieses Land widersteht und aufersteht immer wieder.

Die Cholera hat den Wellenberg noch nicht erreicht, die Epidemie wird in der Hauptstadt erst noch ausbrechen. Das behaupten jedenfalls die medizinischen ONG ALIMA und andere in der Prinzenstadt tätige Schutzengel. Frankreich stellt eben ein Hilfeteam zusammen, Das rechtzeitig nach Port-au-Prince reisen soll und die Seuche kappen will. Der gegenwärtige Hurrikan wird auch noch für einen empfindlichen Rückschlag sorgen.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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  1. 1
    Chris

    Katastrophal ! Alles ! Und ich glaube nicht an einen Zufall das kurz vorher viele Hilfsorganisationen abgezogen wurden …..

  2. Das Thema wäre einen eigenen Artikel wert. Ich glaube, da gäbe es noch andere Autoren zum Mitreden.

  3. 3
    Chris

    Ich glaube wenn wir etwas weiter in dieses Thema einsteigen werden wir Tagelang debatieren , die Hintergründe und Fakten sind erschreckend , fast schon unglaublich ….weil kaum vorstellbar …

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